Nur eine Nummer – lebenslang.
20.06.2010: Die institutionalisierte Demütigung des Menschen. Eine Polemik.
An einem gewöhnlichen Spätsommertag meiner Schulzeit erhielt ich einen ungewöhnlichen Brief. Ich öffnete den mit zahlreichen Stempeln versehenen grauen Umschlag und zog einen zweifach gefalteten Briefbogen heraus, an dem ein kunstvoll bedruckter Papierstreifen klebte. Was ich erblickte, war mein Sozialversicherungsausweis, auf dem sich eine zwölfstellige Rentenversicherungsnummer befand, anhand derer Rückschlüsse auf sogenannte Identifikations- und Ordnungsmerkmale meiner Person gezogen werden konnten. Binnen weniger Sekunden löste ich den bunt bedruckten Schnipsel vom Briefpapier und mich vom Gedanken, ein besonderer Mensch mit individuellen Bedürfnissen zu sein. Was ich in meinen Händen hielt, machte mich zu einer charakterlosen Kennzahl, die in eine Datenbank eingepflegt und lebenslang gespeichert werden konnte. In jenem Sommer begann mein persönlicher Konflikt mit einem unpersönlichen System.
Mein persönlicher Konflikt mit einem unpersönlichen System
Die institutionalisierte Demütigung verfolgt uns ein ganzes Leben lang. Sie beginnt mit der Ausstellung der Geburtsurkunde und endet nicht mit dem Tod, sondern mit seiner urkundlichen Bestätigung. Das menschliche Individuum, dessen reale Existenz auf behördlichen Papieren bescheinigt, unterzeichnet, abgestempelt, gelocht und geheftet wird, wird zu einer Akte mit einer eindeutigen Identifikationsnummer degradiert. Sein Wert lässt sich fortan mittels jederzeit abrufbarer Liquiditätsüberprüfung bei der entsprechenden Institution ermitteln. Der Mensch wird lebendiges Humankapital, dessen Marktwert durch clever angelegte Bildungsinvestitionen gesteigert werden kann.
Das menschengemachte System mit seinen übermenschlichen Fähigkeiten kann viel: Es kategorisiert Individuen entsprechend ihrer Qualifikations- und Leistungsmerkmale, beseitigt ökonomisch wertloses Material und investiert in gewinnsteigerndes Kapital. Humankapital muss leistungsfähig sein, gebrechliches Menschenmaterial ist defizitär, mangelhaft und ineffizient. Größtmögliche Wertsteigerung ist lediglich aufgrund präziser Beobachtungsgabe und genauester Kosten-Nutzen-Kalkulation realisierbar. Personaleinstellungen erfolgen nach Leistungs- und Qualitätsmanagement unter gewinnorientierten Gesichtspunkten. Doch allmählich verliert das menschengemachte System an Kontur und verzieht sein freundlich aufgesetztes Lächeln zur menschenverachtenden Fratze ...
Die Erkenntnis, dass meine individuelle Existenz durch eine einfache Zahlenfolge ausgedrückt werden kann, verursachte in jenem Sommer ein befremdliches Gefühl in mir. Mir wurde bewusst, dass ein System, das bereit ist, die menschliche Komplexität auf zwölf schlichte Zeichen zu reduzieren, im Begriff ist, den Respekt vor sich selbst zu verlieren. Dieses System degradiert sich dadurch, dass es Menschen, die im wirtschaftlichen Sinne nicht leistungsfähig sind, bewusst durch sein soziales Raster fallen lässt. Ich bin mir sicher, dass mich das befremdliche Gefühl beim Anblick von Identifikationsnummern noch mein ganzes Leben lang begleiten wird – ebenso wie mein Sozialversicherungsausweis.