X und Y - nur zwei Chromosomen?

20.06.2010: Merkel und Chacón – Wenn Frauen ihren Mann stehen

Am 28. Januar 1919, kurz nach dem Beginn des deutschen Parlamentarismus, hielt der Soziologe, Jurist und Nationalökonom Max Weber vor dem Freistudentischen Bund in der Münchner Buchhandlung Steinicke seine legendäre Rede zum Thema „Politik als Beruf“. Weber behauptete darin, dass ein kompetenter Politiker über drei Eigenschaften verfügen muss: Leidenschaft, Verantwortungsgefühl und Augenmaß. Qualitäten, die traditionell eher Frauen als Männern zugeschrieben werden.

Soll sich Frau bewahren oder bewähren?

Entgegen dieser Darstellung spricht der laut Humanrights geringe prozentuale Anteil von Frauen in nationalen Parlamenten, der 2009 bei nur 18,4 % lag, eine völlig andere Sprache. Die Grünen gehen dabei als gute Vorbilder voraus. Im 17. Deutschen Bundestag liegt ihr prozentualer Frauenanteil bei stolzen 54,5 %. Eine Quote, die hilft, die katastrophalen Umstände bei CDU/CSU oder auch FDP zu kaschieren. Im internationalen Vergleich können lediglich die Skandinaven mit bemerkenswerten 39,4 % ihren Frauen politische Partizipation ermöglichen. In Deutschland wurde 2005 mit Angela Merkel zum ersten Mal eine Frau BundeskanzlerIn. Erwartungsgemäß wurden ihr die ersten Schritte auf dem patriarchalen politischen Parkett nicht leicht gemacht. Argwöhnisch wurde beobachtet, ob eine Frau in der „Männerdomäne“ Politik überhaupt ihren Mann stehen könne ...

Merkel schlug sich gut, bekam zwei Jahre vor Amtsantritt sogar einen Preis für ihre rhetorischen Fähigkeiten verliehen. Aber es half nichts. Man(n) sprach viel lieber über ihre „helmartige Frisur“, ihr zu tiefes Dekolleté oder gar über ihr unweibliches Auftreten. In der Politszene spottete man stets über ihren zu defensiven Führungsstil. Und man muss sagen: Ja, als Frau in der Politik lebt es sich nicht einfach. Souveränes Auftreten wird als unweiblich empfunden, während das Gegenteil mit Schwäche assoziiert wird. Es ist ein Dilemma. Soll sich Frau nun lieber bewahren oder bewähren?

Zugegeben, Merkel macht es ihren Kontrahenten derzeit zu einfach, sie zu kritisieren. Aber ist Defensive ein generelles Frauenproblem? Wer einen Blick nach Spanien wirft, stellt fest, dass das Amt des/der VerteidigungsministerIn 2008 an eine Frau vergeben wurde: Carme Chacón. Noch keine vierzig, intelligent, ambitioniert und fokussiert. Auch Chacón musste sich lange gefallen lassen, dass man lieber über ihr äußeres Erscheinungsbild sprach als über ihre Kompetenz; wenn auch im positiven Sinne. In der Welt Online hieß es, sie sei sehr „fleißig“ und hätte eine „eiserne Disziplin“. Sätze, die nach Entschuldigungen oder Erklärungen für eine unpopuläre Entscheidung klingen. Vielen brannte sich das Bild Chacóns ein, wie sie im 7. Monat schwanger hochrangige spanische Generäle inspizierte und diese vor ihr salutierten. Sie bewies, dass sich Frauen doch bewähren konnten – sogar hochschwanger, später mit Kleinkind und das in einer klassischen Machokultur. Und sie ist keineswegs eine Ausnahme. Es gibt sie überall, diese kompetenten, starken und engagierten Frauen; national wie international.

Carme Chacón weiß, dass sie härter arbeiten muss als ihre männlichen Kollegen. Sie wird als spanische Pionierin im Verteidigungsamt genauestens beobachtet, und zwar sowohl von DissidentInnen als auch von allen, die Hoffnung in sie setzen. Hoffnung in eine Frau, die bereits vor Amtsantritt, aber auch als amtierende Ministerin gezeigt hat, dass sie sich durch drei besondere Eigenschaften für das Verteidigungsamt qualifiziert hat: Leidenschaft, Verantwortungsgefühl und Augenmaß.

Oromiya Deffa

Hochrangige Generäle salutierten vor einer hochschwangeren Frau.