Die verschleierte Frau und der moderne Westen

24.03.2011: Worüber sprechen wir eigentlich in der Islamdebatte? Eine Selbstreflexion.

Als ich vor einigen Wochen einer Podiumsdiskussion mit dem wohlklingenden Titel „Die Muslimisierung des Anderen“ beiwohnte, erwartete ich eine spannende Debatte über die Vermischung von religions- und integrationsbezogenen Diskursen und das westeuropäische Selbstbild. Und fand mich, wie ich nach kurzer Zeit ernüchtert feststellen musste, in einer dieser üblichen Integrationsdebatten wieder, in der es um alles ging, nur nicht um das im Veranstaltungstitel Angekündigte. Die Podiumsteilnehmer_innen sprachen über Bildung, so genannte Problemkieze und Kopftücher – natürlich sehr kritisch und aufgeklärt, wie immer, wenn das linksliberale Bildungsbürger_innentum sich trifft, um die Probleme mal differenziert zu betrachten. Neben dem obligatorischen Hinweis, dass Sarrazins Thesen rassistisch seien, durfte auch der Appell nicht fehlen, dass nicht nur die „muslimische“, sondern auch die „deutsche“ Gemeinschaft einen Teil zum Erfolg beizutragen habe, sie gleichzeitig aber gewährleisten solle, dass bei aller gebotener Toleranz die Wahrung von Menschen- und insbesondere Frauenrechten nicht auf der Strecke bleiben würde. Fröhlich und in der Überzeugung bestätigt, zwischen gutem und bösem Islam unterscheiden zu können, ging das Publikum aus dem bis auf den letzten Platz gefüllten Saal.

„Halt!“, dachte ich, worüber sprechen wir eigentlich die ganze Zeit? Ja, die Frage, ob das Kopftuch ein Symbol für die Unterdrückung der Frau ist, ist nicht uninteressant. Aber spannender noch ist es, zu ergründen, worauf eigentlich dieses Bild beruht. Wie ist eigentlich die Idee entstanden, „der Islam“ sei rückschrittlich und despotisch, muslimische Männer patriarchalisch, die Frauen unterdrückt? Dazu lohnt es, weit zurückzuschauen. Denn die beliebte und landläufig verbreitete These, dass antimuslimischer Rassismus eine Reaktion auf die Terroranschläge seit dem 11. September 2001 sei, lässt sich leicht relativieren. Der SPIEGEL titelte schon 1995: „Islam: Europa im Fadenkreuz“. Der Wissenschaftler Samuel Huntington, in den 1990ern Berater des US-Außenministeriums, zeichnet in seinem 1993 erschienenen Aufsatz „Clash of Civilisations“, ins Deutsche als „Kampf der Kulturen“ übersetzt, ein Bild des Islam, das er mit „Islam has bloody borders“ zusammenfasst. Welches Interesse hat er, haben Medien und Politik, ein solches Urteil zu fällen? Huntington selbst gibt Aufschluss über eine mögliche Motivation, wenn er aus allem Zusammengetragenen schlussfolgert: „The West versus the Rest“; der Westen müsse sich gegen den Rest der Welt zur Wehr setzen.

Ein kleiner Exkurs: Schlagen wir die Zeitungen auf, lesen wir von der so genannten islamischen Welt, die „dem Westen“ gegenüberstünde; im Reisebüro liegen Prospekte aus, die uns einen Flug in den Orient empfehlen (denn wir leben ja im Okzident); romantisierend sprechen wir von Morgenland und Abendland, wobei einige Feingeister den Untergang des letzteren immer wieder kommen sehen. Es ist beinahe egal, in welchem Kontext wir uns befinden: Überall wird ein Gegensatz zwischen „denen da“, den Muslim_innen, Islamist_innen, Oriental_innen auf der einen Seite, und „uns“, dem aufgeklärten, fortschrittlichen „Westen“ auf der anderen konstruiert. Islam und Orient werden dabei als homogene, geschlossene Welten dargestellt, in denen nicht nur alle Frauen unterdrückt, verschleiert und massenweise gesteinigt werden, sondern auch ständig koranzitierende Bombenleger_innen durch die Wüste geistern oder in dunklen Hinterhöfen den nächsten Terroranschlag planen. Demgegenüber steht das christliche, in letzter Zeit politisch korrekt christlich-jüdisch genannte Abendland – ein Hort der Demokratie und Menschenrechte, der Gleichberechtigung und des Fortschritts. Dabei wird kein Zweifel daran gelassen, dass der „Westen“ moralisch über der „islamischen Welt“ steht. Das Bild, das dabei von Islam und Orient vorherrscht, reicht zurück ins frühe Mittelalter und ist von Wissenschaftler_innen, Autor_innen (wie z. B. Karl May, der Ende des 19. Jahrhunderts einen Orientzyklus verfasste, in dem die Muslim_innen erst durch die Bekehrung zum Christentum wahres Glück erfahren und den despotischen Islam hinter sich lassen) und nicht zuletzt von Politik und Medien immer und immer wieder belebt und reproduziert worden.

Jetzt mag mensch fragen, was daran so problematisch sei, Missstände zu benennen und Demokratisierung zu fordern? Schlimm ist, aus meiner Sicht, nicht die Forderung an sich, sondern vielmehr, was darin mitschwingt: Dadurch, dass ich so entrüstet mit dem Finger auf „die Anderen“ zeige, werde ich blind für die Probleme in der eigenen Gesellschaft. Wer immer wieder betont, dass die Situation für Homosexuelle im Iran miserabel sei (was durchaus stimmen mag), sagt damit indirekt, dass „hier bei uns“ alles gut wäre. Wenn wir genauer hinsehen, ist das natürlich Unsinn. Interessanterweise wird dieses Argument nicht selten von politischen Akteuren vorgebracht, die vor nicht allzu langer Zeit selbst noch gegen Homosexualität gewettert haben. Europa und die Vereinigten Staaten vermitteln unablässig, ein Monopol auf die Weisheit zu haben – es stünde ihnen (d. h. uns) gut, diese Arroganz abzulegen. Wer für Demokratie und Menschenrechte, für Gleichberechtigung von Frauen, Homo-, Bi- und Transsexuellen werben will, muss sie zunächst selbst konsequent umsetzen und sich auf einen echten, offenen Dialog mit all jenen einlassen, die überzeugt werden sollen. Durch das Feindbild Islam, das Anfang der 1990er das Feindbild Kommunismus abgelöst hat, gelingt es dem Westen aber, eine innere Geschlossenheit zu konstruieren und sich gegenüber allem, was außen steht, abzugrenzen - so, wie es den Teilnehmer_innen der Podiumsdiskussion an jenem Abend einmal mehr gelungen ist, die Migrationsdebatte zu führen, ohne sich selbst und die Trennung zwischen „denen“ und „uns“ ernsthaft zu hinterfragen.

Felix Banaszak