Ich verbrauche, also bin ich?
30.01.2003: Für ein Recht auf umfassenden Verbrauchsschutz von Bene Lux
Jedes Lebewesen würde aussterben, wenn es sich vorsätzlich Schadstoffen dauerhaft aussetzen würde. Beim Menschen ist das anders. Je nach Einstellung wird die Zuführung des einen oder anderen Gifts auf ein scheinbar erträgliches Maß gebracht. Scheinbar harmlose Beispiele sind Zigaretten, strapazierendes Make-Up, durchgemachte Nächte, endlose Videosessions, SMS-battles, Fastfoodorgien... alles ganz amüsant, aber auf die Dauer schädlich. Würde es uns sofort töten, würden wir wahrscheinlich Abstand nehmen. Da es uns nur auf Zeit schadet, empfinden wir den Verzicht aber als unangenehm. Das Ausleben kleiner Laster kann sogar für die Findung einer eigenen Identität notwendig sein. Wieso?
„Ich glaub, ich brauch‘nen Burger!“
Was man heute haben muss, das muss man sich empfehlen lassen – durch die Werbung und dort auftretende Promis und Idole. Nicht nur WissenschaftlerInnen und PolitikerInnen machen sich Gedanken um die Jugend, auch die Industrie hat die Jagd auf die jugendliche Kaufkraft eröffnet. Im Zuge des allgemeinen Wohlstands von Industrienationen ist die Jugend ein ernst zunehmender Wirtschaftsfaktor, und die Werbebranche mit ihren Public-Relation-Agenturen scheint in vielen Segmenten aktueller Jugendforschung besser informiert als die universitäre SoziologInnen- und PädagogInnen-Konkurrenz. Wirtschaft und Wissenschaft haben für unsere Generation inzwischen über 400 verschiedene Jugendkulturen aufgespürt, die sich auf kaum mehr zu überschauende Parzellen von Cliquen, Gangs, Crews und Subkulturen verteilen: RaverInnen, R’n‘BlerInnen, Girlies, Skinheads, Ökos, Faschos, Jesus-Freaks, Computer-Kids, usw. Aussuchen, bestellen, konsumieren. Die Jugend als Zielscheibe der Multis.
Sie wollen nur dein Geld
Es ist das Recht eines Unternehmens, Gewinne zu erwirtschaften. Rein formal muss niemand sich von der Werbung umgarnen lassen. Doch das gelingt den Wenigsten. Sich dieser Gesellschaft und ihren Reizen zu entziehen, bleibt ein schöner Traum. Was bleibt übrig? Sich mit Verantwortung in der Massenkonsumgesellschaft bewegen. Spaß haben. Authentisch sein. Für die einen kann das bedeuten, McDonalds®-Filialen zu sabotieren. Für andere heißt es aber, fein auszugehen, solange es noch geht und danach sich einen Burger reinzuziehen – „Generation X“ eben. Es kann aber auch heißen, mitzumachen und mitzuverdienen. Beispiel Vermögensberatungen: In Deutschland jobben dort etwa 20.000 Jugendliche, oftmals am Rande der Legalität. Sie werben besser betuchte Gleichaltrige. Dort jedoch, wo mit unseriösen Angeboten auf KundInnen- und Profitfang gegangen wird, muss der zukünftige VerbraucherInnenschutz ansetzen.
VerbraucherInnenschutz ganz konkret
Die rot-grüne Bundesregierung hat das erkannt. Anfangs durch Skandale wie BSE und MKS sowie die Verschleierungstaktiken der Landwirtschaftslobby eingeengt, baute Renate Künast ihre Zuständigkeit Schritt für Schritt aus. Im Wahlkampf spielte gesunde Ernährung eine wichtige Rolle. Wer allerdings die auf dem entsprechenden Flyer vorgestellten Rezepte unserer SpitzenpolitikerInnen gelesen oder sogar ausprobiert hat, wird schnell merken: Joschkas Seeteufel mögen schmecken, doch wer gewährleistet, dass der eine tote Seeteufel nicht vielleicht der letzte aus einem überfischten Fanggebiet war? Ein umfassendes VerbraucherInneninformationsgesetz wäre hier das Mindeste, damit wenigstens die/der verantwortungsbewusste KonsumentIn sich informieren kann. Zukünftig geht es um Bio-Diversität, also biologische Vielfalt als Überlebensprinzip der Natur. Das hat das Ministerium gut erkannt und als Grundlage für einen nachhaltigen VerbraucherInnenschutz erklärt. Konsequent ist daher die Schaffung und Aufrechterhaltung von sogenannten Nationalen Fachprogrammen. Diese gibt es bereits für pflanzliche und forstliche Genressourcen; Fachprogramme für genetische Ressourcen sind in der Entstehung. Ein ähnliches Programm für Mikroorganismen, die einen wesentlichen Anteil sowohl an der Veredelung als auch am Verderb von Lebensmitteln haben, bleibt wünschenswert.
VerbraucherInnenschutz = Heimatschutz ?
Für politisch aktive Jugendliche war VerbraucherInnenschutz lange Zeit auf fair gehandelte Waren ohne genetische Manipulation oder deutlich sichtbare Umweltzerstörung (wie etwa die Abholzung des Regenwaldes durch ViehzüchterInnen) beschränkt. Alles darüber hinaus hatte den Beigeschmack von übersteigerter Heimatliebe: die Fokussierung auf Landwirtschaft und Ernährung klang zu sehr nach gesunder deutscher Kuh auf gesunden deutschen Böden für gesunde deutsche Kinder. Tatsächlich machte die Politik erst in jüngster Zeit ihre Hausaufgaben und begann die Bemühungen um nachhaltigen Artenreichtum in den globalen Kontext zu stellen – siehe Weltgipfel von Johannesburg. Doch das ist nicht genug. VerbraucherInnenschutz muss auf alle Waren und Dienstleistungen ausgedehnt werden!
VerbraucherInnen dieser Welt, vereinigt Euch !
Es geht nicht darum, die Leute zu erreichen, die bereits wissen, wie schlecht es um die Erde steht. Es geht darum, Leute in ihren Gewohnheiten anzusprechen; das eigennützige Interesse muss für sie erkennbar sein: Eben weil gerade jedeR schon jemanden kennt, der sein Probeabonnement zu spät gekündigt hat oder durch das ein oder andere Tarifsystem nicht durchsteigt, gibt es einen hohen Schutz- und Anzeigebedarf. Ein progressives Beispiel sind hier die Datenschutzprojekte, wie der Chaos Computer Club (CCC), stop1984.org oder safe-privacy – digitale Kommunikation bietet bekanntlich enorme Chancen, leider auch für den Missbrauch. Am leichtesten missbrauchen lassen sich leider immer noch Kinder und Jugendliche: Betrügerische Handyverträge, beim Dealer oder Versandhandel, 0190-Dialer....
Bescheißen und beschissen werden
In Zeiten wirtschaftlicher Krisen, ist es schwer sich kritisch gegen Unternehmen zu stellen. Dennoch wird niemals vollkommen ideologiefrei für einen umfassenden VerbraucherInnenschutz geworben werden können. Neu ist jedoch der Weg, das ureigenste Interesse der/s VerbraucherIn/s zu betonen: Nicht beschissen zu werden. Umso mutiger der Vorstoß von Renate Künast im Wettbewerbsgesetz schärfere Maßnahmen gegen nicht Kosten deckende Dumping-Preise umzusetzen. Mit ihr und mit möglicherweise unzähligen Leuten haben wir noch so einiges vor, damit es nicht für immer heißen muss: Bescheißen und beschissen werden.
Bene Lux studiert Jura und ist Sprecher der Grünen Jugend Berlin