Die globale Unterschicht

28.02.2007: Armut - Was bedeutet das genau? Wer ist überhaupt "arm"? Ist es Peter, der 53-jährige Hartz-IV Empfänger, der allein in einer 37-m²-Wohnung in Hannover-Linden hockt? Oder sind es Florentina und Carlos, die sich als obdachlose Straßenkinder im Großstadtdschungel der Mega-Metropole Rio de Janeiros durchschlagen müssen? Und John aus dem Sudan, der seine Eltern bei einem Angriff auf sein Dorf verloren hat? Ein weiter Begriff wie es scheint, so vielfältig ausgeprägt wie die Menschen, die er beschreibt.

Armutsdefinition

Es gibt verschiedene Ansätze Armut zu messen. Die häufigste Unterscheidung wird zwischen absoluter und relativer Armut getroffen. Absolute Armut soll den Zustand beschreiben, in dem die Grundversorgung nicht garantiert ist. Nach der Definition der Weltbank gilt in diesem Zusammenhang als arm, wer weniger als 1 US Dollar am Tag zur Verfügung hat. Der Begriff der relativen Armut hingegen bezieht sich auf das jeweilige sozio-kulturelle Existenzminimum eines Individuums in Beziehung zur Gesamtgesellschaft, also auf relativ fehlende Ressourcen oder auf subjektiv empfundene Mangelerscheinungen.

Reichtumsgrenzen

Und wie grenzt sich das andere Extrem, das des Reichtums, von der Armut ab? Als alles, was darüber liegt? Allgemein anerkannt gilt für Deutschland die (relative) Reichtumsgrenze nach Professor Dr. Ernst-Ulrich Huster der Evangelischen Fachhochschule Bochum, die bei 200% und damit dem doppelten des durchschnittlichen Einkommens in unserer Gesellschaft liegt. Neben dem Einkommen und Vermögen lassen sich auch andere Indikatoren für Reichtum und Wohlstand einer Gesellschaft heranziehen, wie das allgemeine Bildungsniveau bzw. die Versorgung mit jeglichen Bildungseinrichtungen und die Zugangsmöglichkeiten. Ebenso die durch den Staat gesicherte Wohlfahrt oder auch nicht vorhandene Fürsorge durch den Staat aller Bürgerinnen und Bürger. Dazu gehört aber nicht nur die Absicherung des Exixstenzminimums, sondern auch die Gewähr der Chancengleichheit und der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Etwas, dass aber in Deutschland "normal" ist, kann woanders auf der Welt Luxus sein und als Zeichen von Reichtum gelten.

Das globale Dorf

In der modernen Welt von heute scheinen Grenzen der Entfernung zwischen Staaten und einzelnen Kulturen zunehmend zu verschwinden. Vieles ist international oder soll es zumindest sein. Dabei fallen häufig schwammige Schlagworte wie Globalisierung, global gouvernance oder global village bzw. globales Dorf. Der Begriff und die Theorie des globalen Dorfes stammt von dem Medienwissenschaftler Marshall McLuhan aus dem Jahre 1962, wird heutzutage aber vor allem mit dem Massenmedium Internet und dem world wide web in Verbindung gebracht. Es beschreibt bzw. erklärt die moderne Welt folgendermaßen: "Durch die elektrische Vernetzung des Globus wird Raum und Zeit überwunden, Distanzen aller Art werden somit aufgehoben, die Welt wird zu einem Dorf zusammengezogen. Der Mensch lebt von nun an in der Gemeinschaft des globalen Dorfs (...), in gegenseitiger Abhängigkeit, was Engagement und Anteilnahme am anderen erfordert (...)."1

Wie wirtschaftet das globale Dorf?

Würde mensch allein das statische Konzept der absoluten Armut für eine Bewertung der Armut in Deutschland zu Grunde legen, so gäbe es hierzulande gar keine Armut. Anders sieht die Betrachtung vom Standpunkt der relativen Armut und aus der Sicht des globalen Dorfes aus. Stellen wir uns nun vor, dass wir sechs Milliarden Menschen gemeinsam in einem Dorf wohnen, zugegebenermaßen einem sehr großen Dorf. Es zeigt sich schnell, dass wir auf verschiedenste Art und Weise bewusst und unbewusst in Kontakt stehen, mehr noch, in gegenseitiger Abhängigkeit von einander. So beruht ein Großteil unseres Konsums auf der Produktion im anderen Region des Dorfes. Wo kommen unsere Klamotten her? Beispielsweise aus Indonesien, Bulgarien, Kolumbien, Südafrika. Oder unsere Lebensmittel wie Kaffee, Bananen, Kiwi oder Schokolade, die schon längst wie selbstverständlich in nahezu jedem Haushalt auf die eine oder andere Weise zu finden sind? Möglichweise aus Guatemala, Kenia, Israel, Brasilien, Indien.

Das ist international und international ist toll!

Kiwis wachsen in den trockenen, wüstenähnlichen Regionen Ägyptens. Pflanzen gedeihen für unsere Märkte, Menschen dursten für unsere Märkte. Auf kargen Feldern, die früher einmal saftig grüner Regenwald waren, werden Rinder für Hamburger gezüchtet oder Futtersoja für die heimischen Tiere kultiviert. In dunklen Fabrikhallen stellen unsere Mitbewohner die neuste Mode her; Jeans, Shirts, Schuhe und diese werden anschließend auf dem schnellsten Weg zu uns in den Norden verfrachtet, sonst wäre es dort schon wieder out. Immerhin haben DIE einen Arbeitsplatz, davon träumen in unserem Teil viele. Wenn wir uns unser wirtschaften im Dorf genauer ansehen würden, so müssten wir feststellen, dass wir im Norden einen Ressourcenverbrauch zu verantworten haben, der einen großen ökologischen Fußabdruck hinterlässt und ökonomisch gesehen auf Kosten unserer Nachbarn im Süden geht.

Was folgt daraus für uns?

An der Situation in unserem Dorf ist jedeR auf die eine oder andere Weise beteiligt. Und was folgt daraus nun für uns? Wo wir doch jetzt wissen, dass wir relativ reich sind? Sollen deutsche, relativ arme Menschen auf hören zu jammern? Sie sind ja relativ und nicht absolut arm. Es wäre schlichtweg unfair, armen Menschen in unserer Gesellschaft vorzuwerfen, sie sollten weniger jammern, weil es anderswo auf dieser Welt noch viel schlimmere Armut gibt. Wenn jemand hierzulande in ständiger Sorge um die Miete am Monatsende lebt, wird er oder sie schwer zu überzeugen geschweige denn in der Lage sein, höhere aber faire Preise für ökologisch und sozial gerecht produzierte Güter zu bezahlen. Wer jeden Cent mehrfach umdrehen muss, kauft eben keine Bio- und Fair Trade-Produkte, sondern muss beim billigeren Discounter einkaufen. Das wiederum verschärft das globale Problem ausbeuterischer Produktionsbedingungen - ein globaler Teufelskreis.

Das Zusammenleben des globalen Dorfes und seine Zukunft

Wie geht es nun weiter mit unserem globalen Dorf? Zukunftsszenarien über unser globales Dorf gibt es viele. Das Wiener Institut für Zukunftsforschung hat nach dem 11. September vier Prognosen veröffentlicht: Separation, "Djihad-Age", Hochsicherheitszeitalter und die One World-Ethik. Einige Anzeichen sprechen dafür, dass Mauern des Nordens weiter in die Höhe schnellen werden, begründet mit einem Mehr an Sicherheit und Stabilität. Es gibt offenbar kleinere Gruppe unseres Dorfes, die sich von einer größeren in bestimmten Bereichen abschotten oder dies zumindest versuchen. An einigen Stellen fallen die Mauern, an anderen wie dem Wohlstand werden sie immer höher. Deutschland oder die EU sind so eine Separatisten-Gruppe. Aber auch innerhalb unseres Kreises Deutschland bauen sich unzählige kleinere Gruppierungen mit ihren ganz eigenen Mauern auf. Andere Zeichen lassen auf dauerhaften Frieden und Wohlstand hoffen. Dafür, dass unser Dorf nicht auseinander bricht und ins Chaos verfällt, können wir uns stark machen. Visionen von einem solidarischeren Dorf müssen keine Utopie sein. Im Kleinen anzufangen kann Dinge auf Dauer verändern. Dazu können wir vor unserer sprichwörtlichen Haustür anfangen. Beispielsweise das eigene Handeln und den Konsum reflektieren, einen Menschenbild der Solidarität leben und fordern und uns für einen Sozialstaat stark machen, der diesen Namen verdient hat, anstatt unser Leben ökonomisieren zu lassen. Eine Region mit einem Reichtum an Wissen sollte in die Bildung investieren und gleiches Recht und Voraussetzungen für alle schaffen. Deswegen muss aber nicht der Blick zu unseren MitbewohnerInnen am anderen Ende des Dorfes verloren gehen. Es darf nicht hier oder dort, entweder - oder heißen. Die Perspektive sollte ein gemeinsames Starkmachen auf verschiedenen Ebenen für die gemeinsamen Rechte und Ziele sein - jeden Tag ein Stückchen.

Marcus Blumtritt (25) studiert Öko-Wirtschaftswissenschaften in Oldenburg. Er engagiert sich in der GJ Niedersachsen und ist leidenschaftlicher St. Pauli-Fan.

Svenja Tidau (21) studiert in Münster Public Administration, ist seit 2002 GJ-Mitglied und setzt sich für das solidarisch-globale Dorf ein.