Fuck the system!

16.05.2007: Der Klimawandel kennzeichnet das größte Versagen des industriellen Kapitalismus. Sven-Christian Kindler fordert einen Systemwechsel und entwickelt eine Strategie für eine nachhaltige Weltwirtschaft.

Riesige Überflutungen in Asien durch die Gletscherschmelzen im Himalaja. Hunderte Millionen Menschen in Afrika, die an Wassermangel leiden werden. Ein weltweites Artensterben unvorstellbaren Ausmaßes. Zahlreiche Südseeinseln, ein Drittel von Florida, Venedig und andere Küstengebiete werden für immer im Meer versinken. Katastrophen in biblischen Dimensionen werden die Erde überziehen, sollte die Menschheit weiter so leben und wirtschaften wie bisher. Um bis zu 6,4 Grad könnte sich die Temperatur laut dem aktuellsten Sachstandsberichtes des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) bis zum Jahrhundertwechsel erhöhen.

Und jetzt? Die Welt steht jetzt an einem historischen Wendepunkt ihrer Geschichte. Noch sind die schlimmsten Folgen des Klimawandels zu verhindern. Bis zum Jahr 2050 müssen die CO2-Emissionen um mindestens die Hälfte reduziert werden, bis zum Ende des Jahrhunderts sollte die Welt emissionsfrei wirtschaften. Wir werden uns jetzt entscheiden müssen: Weitermachen wie bisher? Augen zu und durch? Oder radikal umsteuern? Radikal all das in Frage stellen, was wir bisher immer als selbstverständlich angesehen haben. Der industrielle Kapitalismus mit seinem schier unbegrenzten Ressourcenverbrauch wird untergehen, sonst werden wir untergehen. Es ist Zeit für einen Systemwechsel. Die Zukunft gehört der Nachhaltigkeit.

Energie effizient nutzen

Ungedämmte Häuser, in denen es durch die Fenster zieht, Standby-Schaltungen an Elektrogeräten, schwere Spritschleudern auf den Straßen. Riesige Energieeffizienzpotenziale werden heute nicht genutzt. Die gemeinsame von Greenpeace und dem European Renewable Energy Council (EREC) herausgegebene Studie "Energy [r]evolution" prognostiziert, dass trotz einer angenommenen Verdoppelung des Primärenergiebedarfes im Jahre 2050, durch Effizienzmaßnahmen der Verbrauch an Primärenergie auf heutigem Niveau gehalten werden könnte. Doch momentan lohnt es sich immer noch nicht richtig, Energie effizient zu nutzen. Energie und die Verschwendung davon ist noch viel zu billig. Langfristig werden die Marktpreise für Energie aufgrund des Rückgangs der fossilen Ressourcenvorräte jedoch ansteigen. Der Staat muss weiterhin Energie verteuern. Eine Möglichkeit könnten höhere Energiesteuern sein, die die externen Kosten der Umweltvergiftung mit in die Energiepreise integrieren.

Mit der Natur zusammen wirtschaften

Gift auf den Äckern, strahlender Atommüll in Lagerhallen, qualmende Schornsteine, riesige Wolken voller Schadstoffe auf den Straßen. Der industrielle Kapitalismus nimmt derzeit keine Rücksicht auf die natürlichen Bedingungen und Grenzen unseres Ökosystems. Die Strategie der Konsistenz setzt im Gegensatz darauf, die technischen und wirtschaftlichen Vorgänge den Kreisläufen in der Umwelt anzupassen. Beispielhaft dafür ist die Erzeugung von Energie aus regenerativen Quellen. Solarkollektoren nutzen emissionsfrei die unbegrenzte Energie der Sonne, anstatt die im Laufe der Evolution über Millionen Jahre entstandenen Kohlenwasserstoffe innerhalb weniger Jahrhunderte zu verfeuern und dabei massenhaft giftige Abgase in die Atmosphäre zu pusten. Um 50% gegenüber 1990 könnten die CO2-Emissionen global laut der "Energy [r]evolution"-Studie durch die konsequente Nutzung der Erneuerbaren Energien gesenkt werden. Mitte des Jahrhunderts könnte die Hälfte der Primärenergie regenerativ erzeugt werden könnte. Nicht konsistente Technologien wie Atomkraft und CO2-Speicherung im Erdreich spielen dabei keine Rolle. Doch dafür müssen auch durch den Staat die richtigen Weichen gestelltwerden. Die umweltschädlichen Subventionen für die Atom- und Kohlenergie könnten zu Gunsten der Förderung Erneuerbarer Energien umgelenkt werden. Dazu müssten alle Kosten der Umweltschmutzung den verursachenden Konzernen in Rechnung gestellt werden, so dass naturverträgliches Wirtschaften einen Wettbewerbsvorteil darstellen würde.

Wie viel ist genug?

Häufig beschränken sich die in der öffentlichen Debatte vorgebrachten Vorschläge zum Klimaschutz auf Effizienzmaßnahmen und bestenfalls noch die Umstellung auf konsistente Systeme, wie den Ausbau der Erneuerbaren Energien oder der biologischen Landwirtschaft. Doch ohne eine Strategie, die den derzeitigen materiellen Wohlstand in den Industriestaaten in Frage stellt, wird die ungezügelte Erderwärmung nicht aufzuhalten sein. Sonst werden die Einsparungen durch Effizienz- und Konsistenzmaßnahmen vom wachsenden Wirtschaftswachstum aufgefressen. 2006 ist der CO2-Auststoß in der Bundesrepublik aufgrund der anziehenden Konjunktur um 0,6% gestiegen. Einige Studien gehen zwar unter gewissen Vorrausetzungen von einem langfristigen klimafreundlichen Wachstum aus, doch das ist momentan noch Zukunftsmusik. Kurz- und mittelfristig ist die Fixierung auf die Wachstumsideologie in den Industrieländern mit einer Treibhausgasreduktion nicht zu vereinbaren. Wie viel brauchen wir eigentlich noch, um glücklich zu sein? Diese Frage stellt deswegen die Strategie der Suffizienz. Muss es drei Mal die Woche Fleisch sein? Reichen zehn Hosen uns nicht? Die Menschen in den Industriestaaten (zunehmend auch in Schwellenländern) sind zu Konsummonstern verkommen. Täglich auf der Suche in der riesigen Warenwelt, um sich etwas Glück zu kaufen. Die Schäden für die Umwelt dabei sind enorm. 20 Tonnen CO2 stößt eine US-Amerikanerin im Durchschnitt aus, 10 Tonnen ein Deutscher, eine Inderin eine Tonne und ein Kameruner 0,2 Tonnen. Langfristig gilt ein Pro-Kopf-Verbrauch von ein bis zwei Tonnen als klimaneutral.

Leben statt konsumieren

Die Umstellung auf ein nachhaltiges Weltwirtschaftssystem muss alle drei strategischen Ansätze - Effizienz, Konsistenz und Suffizienz - berücksichtigen, darf aber die unterschiedlichen ökonomischen Hintergründe und Ressourcenverbräuche der Industrie- und Entwicklungsländer nicht außer Acht lässt.

Die wohlhabenden Staaten des Nordens stehen jetzt vor der gewaltigen Herausforderung, ihr Wirtschaftssystem völlig neu zu ordnen. Der industrielle Kapitalismus hat weltweit keine sozialen und ökologischen nachhaltigen Antworten für das 20. Jahrhundert geben können, im 21. Jahrhundert gehört er endgültig in die Mottenkiste der Geschichte gelegt. Die Hauptverursacher der Treibhausgasemissionen werden lernen müssen, höchsteffizient und naturverträglich zu wirtschaften, statt verschwenderisch Ressourcen zu vergeuden und das Ökosystem als ihre private Müllkippe anzusehen. Am schwierigsten dürfte sich dabei die Abkehr von der Wachstumsideologie und dem konsumfixierten Lebensstil gestalten. Vor allem die Mittel- und Oberschichten werden lernen müssen, anders zu leben. Weniger materialistisch, dafür aber bewusster, intensiver. Mit mehr Zeit für die wirklich wichtigen Dinge des Lebens: Gute Freunde, eine Fahrradtour in der Natur, die Familie, die Kreativität, die Liebe. Dies ist kein Appell an die Millionen Armen in den Industriestaaten den Gürtel noch enger zu schnallen. Im Gegenteil: Die zusätzlichen Einnahmen aus höheren Energiesteuern und anderen Öko-Abgaben sind für soziale Maßnahmen, wie ein bedingungsloses Grundeinkommen, zu verwenden. Damit auch die sozial Benachteiligten in Zukunft nicht auf Mobilität, Strom und Wärme verzichten müssen.

Nachhaltiger Aufschwung im Süden?

Ein anderer Lebensstil ist auch vor dem Hintergrund der globalen Entwicklung unerlässlich. Die Besserverdienenden in den Schwellen- und Entwicklungsländern kopieren zunehmend unseren ressourcenintensiven Lebensstil. Dabei haben die Länder des Südens die historisch einmalige Chance mit der konsequenten Nutzung von Energieeffizienzpotenzialen und der Umstellung auf konsistente Wirtschaftsweisen, eine sanfte, umweltverträgliche Entwicklung zu generieren. Der Anschluss an die Industrieländer kann ohne die Fehlentwicklungen des industriellen Kapitalismus bewältigt werden. Dabei ist neben vielen anderen entwicklungspolitischen Maßahmen jedoch auch ein gewisses wirtschaftliches Wachstum notwendig, um den menschlichen Grundbedarf zur Existenzsicherung sicherzustellen. Den Ärmsten der Armen darf dieser Weg nicht versperrt werden. Schwellenländer, wie China, Südafrika oder Argentinien, welche diese wirtschaftliche Barriere schon überwunden haben, werden jedoch auch ihren Beitrag zur Reduzierung der Treibhausgase leisten müssen.

Noch ist es nicht zu spät

Die gute Nachricht: Das Klima ist noch zu retten. Mit höherer Effizienz, einem naturverträglichem Wirtschaften und einer Abkehr vom materialistischen Lebensstil. Die schlechte Nachricht: Es wird verdammt hart werden. Die Widerstände im herrschenden System sind erschreckend mächtig. Die nächsten Jahre und Jahrzehnte werden zeigen, ob die progressiven Kräfte in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft stark und engagiert genug sind, sich gegen die Lobby der Klimaverschmutzer durchzusetzen. Die Zeit ist reif für ein nachhaltiges Weltwirtschaftsystem. Das Klima ist noch zu retten. Fragt sich nur, ob wir das wirklich wollen?

Sven-Christian Kindler (22) ist SPUNK-Redakteur und macht im Sommer in Hannover seinen Abschluss als studierter Kapitalist. Statt mit dem Flieger in die Ferne, fahren er und seine FreundInnen lieber in den Harz, um gemeinsam zu wandern, zu singen, zu zelten, zu lachen und sich an der Einzigartigkeit der Natur zu erfreuen.