Von Dogmen und Notwendigkeiten

16.05.2007: Wenn der Einkauf wieder vor der Tür steht und Monatsende ist, reduziert sich die Anzahl der Bioprodukte im Einkaufskorb drastisch. Meint man dann dem Dogma des "ökigen" Lebensstils aus finanziellen Gründen entfliehen zu können oder ist es dann einfacher die Notwendigkeit sich nachhaltig zu ernähren und zu leben zu vergessen? Einige Punkte von Silke Gebel.

Mein amerikanischer Mitbewohner macht sich manchmal lustig über mich. Eigentlich verstehen wir uns sehr gut, doch die Tatsache, dass ich das Licht hinter ihm ausmache oder die Heizung runterdrehe, wenn er die Küchenfenster aufmacht, ist mittlerweile ein Running Gag bei uns. Neben der Mülltrennung, dem Bioessen, dem Kühlschrank voller Gemüse und dem Tofu. Neulich habe ich mich gefragt, ob dieser Lebensstil von mir - wie mein Mitbewohner meint - einem Dogma entspringt oder sich rein an Notwendigkeiten orientiert. Denn mein ökologischer Fußabdruck (einfach unter www.footprint.ch zu machen), den ich hinterlasse beläuft sich trotzdem auf 2,3 Erden. Das heißt erstens, wenn alle Menschen mein Konsumverhalten an den Tag legen würden, würden wir 2,3 Erden verbrauchen; und zweitens noch weniger Umweltbewusstsein im täglichen Leben würde noch mehr Erden verbrauchen.

Ganz überraschend kommt es nun auch nicht: Unser tägliches Konsumverhalten hat Auswirkungen, die sich um den gesamten Globus ziehen: Seien es CO2-Emissionen, die den Treibhauseffekt verstärken, seien es Übersee-Produkte, bei denen die ArbeiterInnen ausgebeutet wurden oder sei es die heimische Kartoffel, die mit Pestiziden vollgesprüht wurde. All das belastet das globale Klima, das soziale Gleichgewicht und die Natur in ihrer Artenvielfalt. Die damit einhergehenden Konsequenzen wie Naturkatastrophen, wachsende und verstärkte Konflikte schränken bereits heute viele Menschen in ihrem täglichen Leben massiv ein. Die Welt, in der ich leben will und in der morgen noch alle leben können, sieht anders aus. Da stehen Selbstbestimmung und Freiheit einhergehend mit einer intakten Umwelt, Frieden und Wohlstand im Mittelpunkt des Lebens. Beanspruchen wir diese Grundsätze für unser tägliches Leben, müssen wir sie allen zugestehen und wie der ökologische Fußabdruck zeigt, Ansprüche zurückschrauben und einen nachhaltigen Lebensstil pflegen. Es geht darum, Zusammenhänge klar zu sehen, dann ist es auch möglich an der Stelle, an der man selber sitzt, an den Stellschrauben zu drehen.

An den Stellschrauben drehen

Der Klassiker hierbei ist sicherlich die Ernährung: Bioprodukte - momentan im Aufwind der Hipness - versprechen einen gesünderen Lebenswandel und die Emissionsrate von Biogemüse ist sogar niedriger als die von herkömmlichen, da es keine Wasserverunreinigungen durch übermäßiges Düngen gibt, die CO2-intensiv aufgearbeitet werden müssen. Daneben sind übermäßige tierische Produkte vor allem aus Massentierhaltungen schädlich für das Klima. Die angeblich konsumierten 1,4 Kilogramm Fleisch statt empfohlener 300 g pro Woche führt zu übermäßigen Methanausstoß bei der Rinderzucht sowie zum massiven Abholzen des Regenwaldes für die Futtermittel. Das heißt konkret, es reicht nicht aus, das gewohnte Essen 1:1 auf Bio umzustellen. Eine nachhaltige Ernährung für einen selbst wie im globalen Kontext beinhaltet einen wesentlich niedrigeren Anteil tierischer Produkte. Damit verzichten wir zwar auf den ersten Blick auf eine Quantität an Produkten, gewinnen aber in der Qualität gewaltig dazu!

Im Energiebereich sind die drei E's, die auch die Partei propagiert, wegweisend: Erneuerbare Energien, Energie sparen und Energieeffizienz. Als Kundinnen können wir eine Menge selber machen: Mit dem Wechsel zu einem Ökostromanbieter können wir unsere CO2-Emissionen reduzieren und gleichzeitig den Atomausstieg selber machen. (www.atomausstiegselbermachen.de) Aber wie bei der Ernährung hat nachhaltig leben auch mit weniger Verbrauch an sich zu tun: Energiesparen ist sehr einfach und schont sogar noch den Geldbeutel. Eine Eissschicht im Tiefkühlfach kann bis zu 30 % mehr Strom verbrauchen. Elektrogeräte, die im Standbymodus bleiben, fressen Energie ohne Ende. Bis zu 30 Euro im Jahr kostet das bei einer Hi-Fi-Anlage, zwölf Euro bei einem PC und acht bei einem Flachbildschirm. Das Umweltbundesamt schätzt die jährlichen Leerlaufverluste in Haushalten und Büros auf 22 Milliarden Kilowattstunden, was der Produktion von 3 Atomkraftwerken entspricht.

Klimawandel durch Konsumwandel

Daneben gibt es in allen Bereichen des Lebens die Möglichkeit, sein Handeln zu überdenken: Sei es nun in Fragen der Mobilität mehr Nutzung des ÖPNV, Fahrradfahren oder verstärktes Trampen, in Finanzangelegenheiten die ökologische Geldanlage oder beim Klamottenkauf das T-Shirt aus Biobaumwolle. Durch den täglichen Konsum kann jedeR eine Nachfrage für eine Welt schaffen, wie wir sie morgen gerne hätten. Als selbstbestimmte BürgerInnen haben wir die Wahl, hier bewusst zu entscheiden! Let’s do it.

Silke Gebel, 23, hält nicht viel von Dogmen umso mehr aber vom Leben nach Notwendigkeiten.