Menschen ernähren oder Autos tanken?

16.05.2007: Brandrodungen und Vertreibung der UreinwohnerInnen in den Regenwäldern Asiens, Monokulturen und pestizidverseuchte Felder in Deutschland. Die Nutzung der Bioenergie ist einerseits gut fürs Klima, bringt andererseits aber auch eine Menge von Problemen mit sich. Muss man im Interesse des Klimaschutzes dies in Kauf nehmen? Oder ist Widerstand gegen den Biosprit an der "Tanke" angesagt? Christian Hinrichs beschreibt den Zielkonflikt der Ökologie-Bewegung.

Die Pflanze als Energiequelle ist ein wichtiger Bestandteil einer nachhaltigen und umweltfreundlichen Energieversorgung in Deutschland. Die Verarbeitung der Energiepflanze Raps und anderer Sorten zu Biosprit boomt derzeit an den Tankstellen. Die Nachfrage steigt weiter: Bis 2020 soll der Anteil von Biokraftstoffen nach Plänen der EU auf 10% steigen. Nur geben das die Äcker Europas nicht her. Das Kieler Weltwirtschaftsinstitut errechnete jüngst, dass Europa mit seinen eigenen Anbauflächen noch nicht mal 5% seines Gesamtenergiebedarfs selber decken kann.

So entstehen in vielen Entwicklungsländern aufgrund dieser hohen Nachfrage immer mehr Palmölplantagen. Für die Plantagen braucht man Platz und deshalb muss der Regenwald weichen. Durch die Rodungen werden Unmengen des Klimagases CO2 freigesetzt und es geht der natürliche CO2-Speicher Regenwald unwiederbringlich verloren. Außerdem werden die UreinwohnerInnen der Regenwälder aus ihren Lebensräumen vertrieben. In Indonesien wurde innerhalb der letzten zwei Jahre nach Informationen der WDR-Sendung MONITOR eine Fläche der Größe Niedersachsens gerodet. Ebenfalls stehen diese Flächen dann nicht mehr der Nahrungsmittelproduktion zur Verfügung, was bedeutet, dass das geringe Angebot von Grundnahrungsmitteln den Preis in die Höhe treiben und diese Preiserhöhung einseitig besonders die Armen treffen wird.

Summiert man diese bei der Produktion entstandenen Treibhausgase, sieht die Ökobilanz für Biosprit sehr schlecht aus. Für das gute Gewissen der westeuropäischen AutofahrerInnen tragen die Menschen auf der anderen Seite der Welt die ökologischen und sozialen Folgen.

Maislandschaften so weit das Auge reicht

Doch auch in Deutschland werden die Folgen dieses Bioenergie-Booms absehbar sein. Auf der einen Seite haben die LandwirtInnen die Chance, sich ein weiteres Standbein z.B. mit Biogasanlagen im schwierigen Tagesgeschäft aufzubauen. Doch die Landwirtin wird nur die Energiepflanzen anbauen und in der Biogasanlage verarbeiten, die am meisten Energieausbeute bringt: Mais. Monokulturen und ein erhöhter Pestizideinsatz werden die Folge sein. Das Ziel einer ökologischen Landwirtschaft rückt in weite Ferne.

Es gibt aber auch positive Beispiele. So bauen die BetreiberInnen der Biogasanlage in Hammah (Kreis Stade) jedes Jahr unterschiedliche Sorten auf ihren Feldern an, damit Monokulturen vermieden werden und der Boden geschont wird.

Nicht vergessen darf man bei dieser Thematik die Saatgutindustrie. Unternehmen, wie Monsanto, Pioneer & Co. bieten den Bauern und Bäuerinnen Saatgutzüchtungen mit gentechnisch veränderten Organismen an unter dem Vorwand diese Züchtungen würden besonders ertragsreich sein. Die Verbreitung der Gentechnik über die Energiepflanzen auf den Feldern Europas ist eine ernste Gefahr.

Was nun? Was tun?

Soll man nun einen weiteren Ausbau der Bioenergie befürworten oder nicht? In den Umweltverbänden gibt es sehr unterschiedliche Stimmen zu dem Thema. Was fehlt, sind verbindliche gesetzliche Auflagen für die Herstellung von Biokraftstoffen, die eindeutig die Umweltstandards festschreiben. Hier hätte die deutsche EU-Ratspräsidentschaft die Möglichkeit, dieses globale Problem anzusprechen und Vorschläge zu machen. Was aber von der schwarz-roten Regierung nicht zu erwarten ist.

Stellt sich also immer noch die Frage: Menschen ernähren oder Autos tanken? Grundsätzlich sollten die Chancen der Bioenergie genutzt werden. Besonders im ländlichen Raum bieten sich ungeahnte Möglichkeiten. Das Bioenergiedorf Jühnde im Landkreis Göttingen macht es vor: Das Dorf versorgt sich selber dezentral mit Energie aus Biogasanlagen und produziert selber einen Überschuss an Öko-Strom, dass ins Stromnetz eingespeist wird.

Jühnde ist ein positives Beispiel und dennoch bleibt das Problem mit der Regenwaldzerstörung bestehen. Wir müssen stets aufpassen und auch frühzeitig anfangen, Entwicklungen selbstkritisch zu hinterfragen. Wo Bio drauf steht, muss nicht unbedingt Bio drin sein.

Christian Hinrichs (19) wohnt in der beschaulichen 3000-Seelengemeinde Oldendorf im Kreis Stade, ist aktiv bei der GJ Stade, jüngster kommunaler Mandatsträger im Landkreis und unterstützt grundsätzlich den Ausbau der Bioenergie besonders im ländlichen Raum.