Befreiung hört nicht beim Menschen auf!

08.09.2007: Kann ein "Schutz der Tiere" das Leid und die sinnlose Quälerei von Millionen Tieren verhindern? Nein, meint Alexander Gilly, denn der Tierschutz akzeptiert die Nutzung und Tötung von Lebewesen und möchte die Ausbeutung der Tiere nur "humanisieren". Tiere brauchen deshalb eigenständige Rechte, die ihnen ein Leben in Würde ermöglichen. Auch die Menschenrechte würden dadurch gestärkt werden.

Wir befinden uns auf einem Bauernhof irgendwo in Deutschland. Eine Kuh steht alleine in ihrer Box und stößt klagende Schreie aus. Kein Wunder - hat mensch ihr doch vor einiger Zeit ihr Kind weggenommen. Nur einen Tag nach der Geburt. Ein anderer Ort in Deutschland. Hier werden Ferkel, also Schweinekinder, geboren. Innerhalb von 7 Tagen nach der Geburt werden ihnen die Hoden abgeschnitten. Ohne Betäubung. Man(n) stelle sich dies einmal am eigenen Körper vor.

Hierbei handelt es sich nicht um Einzelfälle oder Methoden der besonders grausamen Massentierhaltung. Im Gegenteil: Die beschriebenen Maßnahmen sind auch auf Bio-Höfen erlaubt und gängige Praxis. So dürfen Ferkel bei "Naturland" ohne Betäubung kastriert werden und bei "Bioland" heißt es: "Zu einer artgerechten Kuhhaltung gehört auch, dass die Kälber einige Zeit (meist ein bis zwei Tage) bei der Mutter verbringen." Sehr artgerecht. So sieht also Tierschutz in der Praxis aus, und dies waren nur zwei Beispiele. Dabei haben die Öko-Verbände die strengsten Vorschriften. Weitaus lascher sieht es beim EU-Bio-Siegel aus, und die konventionelle Tierhaltung brauche ich hier wohl gar nicht erst zu erwähnen.

Diese eklatanten Missstände dürfen aber nicht über die Wurzel des Problems hinwegtäuschen. Denn die meisten "Probleme" in der Tierhaltung sind natürlich hausgemacht. Bei der starken Nachfrage nach Milch müssen die Kälber der immer wieder geschwängerten Milchkühe ja irgendwo hin - und werden zu Kalbfleisch. Und da das Festmahl nicht von strengem Ebergeruch getrübt sein soll, müssen die Ferkel eben kastriert werden. Auch Fragen, wieviel Platz eine Legehenne nun mindestens braucht, um die Bezeichnung 'aus "artgerechter" Haltung' zu erhalten, oder ob Rindern die Hörner nun weggeätzt oder lieber weggebrannt werden sollten, sind Nebenkriegsschauplätze - denn nur die Freiheit ist artgerecht.

Tierschutz: nur eine "Humanisierung" der Ausbeutung

Der Tierschutz akzeptiert, dass nicht menschliche Tiere Interessen haben, jedoch auch, dass diese Interessen verletzt werden dürfen, solange es dafür Ergebnisse gibt, die diese Verletzungen rechtfertigen würden. Unterschiedliche Meinungen bestehen dann darin, was als Rechtfertigung für eine Verletzung angesehen wird. Reicht bereits der kurzfristige Gaumenkitzel oder muss es schon ein "gravierender Nutzen" sein? Weder noch - wir sollten davon ausgehen, dass nicht menschliche Tiere - genauso wie Menschen - Interessen haben, die nicht so einfach verletzt werden dürfen, nur weil dadurch irgendein Vorteil entsteht. Sonst landen wir schnell bei einer "Der-Zweck-heiligt-die-Mittel-Philosophie."

Tierschutz bedeutet auch immer nur eine "Humanisierung" der Ausbeutung. An dem Grundproblem, nämlich dass der Mensch andere Lebewesen zur Befriedigung seines Genusstriebes missbraucht und tötet, ändert es schlichtweg gar nichts. Es kommt ja auch niemand auf die Idee, die Humanisierung der Sklaverei oder die Zulassung einer "sanften Vergewaltigung" zu fordern. Wir dürfen nicht ignorieren, dass es hier um nichts anderes als die Gefangenhaltung und gewaltsame Tötung von leidensfähigen Individuen geht, welche andere Interessen haben, als vom Menschen als sogenannte "Nutztiere" verbraucht zu werden. Bereits die Formulierung "Nutztiere" impliziert, dass nicht menschliche Tiere einen Zweck hätten, der sich darin erschöpft, für einen menschlichen Nutzen zu existieren. Dies entlarvt, wie die Problematik bereits in der Sprache verankert ist: Es ist von Milchkühen, Schlachtvieh, und Legehennen die Rede. Als ob diese Lebewesen keine anderen Interessen hätten, als für den Menschen ihre Eier zu legen oder ihre Milch oder sogar ihr Leben zu geben. Dieses perverse Fundament des heutigen Mensch-Tier-Verhältnisses wird von Seiten des Tierschutzes völlig außer Acht gelassen.

Warum sollten Tiere eigentlich keine Rechte haben?

Das Grundproblem sind also nicht irgendwelche Nutzungsbedingungen, sondern die Nutzung an sich. Und die Frage lautet auch nicht, warum nicht menschliche Tiere überhaupt Rechte haben sollten, sondern warum sie keine haben sollten! Oft wird auf bestimmte, nur dem Menschen zukommende Eigenschaften oder Fähigkeiten hingewiesen - etwa Autonomie, Rationalität oder Selbstbewusstsein.

Bei genauerer Betrachtung fällt auf, dass es kein Merkmal gibt, welches irgendwie als moralisch relevant zählen kann, das entlang der Speziesgrenze Mensch - Tier verläuft. Es gibt sogar immer Tiere, bei denen das betreffende Merkmal sogar stärker ausgeprägt ist als bei bestimmten Menschen. Außerdem stehen wir vor einem großen Problem: Wenn wir die obigen Merkmale - Autonomie, Rationalität und Selbstbewusstsein - als Voraussetzung für die Verleihung von Rechten sehen, dann müssten wir kleinen Kindern, Menschen, die im Koma liegen, und geistig Schwerstbehinderten ihre Rechte absprechen.

Es steht völlig außer Frage, dass wir keinem Menschen Rechte absprechen wollen, so dass dieser Weg keine Lösung für dieses rein logische Problem sein kann. Wir müssen also die Kriterien für das Zugestehen von Rechten so großzügig formulieren, dass sie auch von diesen Menschen erfüllt werden. Und das bedeutet in der Konsequenz entsprechend den Postulaten vieler Philosophen, wie z.B. Helmut F. Kaplan, dass dass wir auch vielen nicht menschlichen Tieren Rechte verleihen müssen, da sie diese Kriterien erfüllen.

Tierrechte vs. Menschenrechte?

Es geht nicht darum, Menschenrechte abzuwerten. Im Gegenteil, nicht menschlichen Tieren sollen endlich Rechte anerkannt werden, die ihnen ein Leben in Würde ermöglichen - ähnlich den Menschenrechten. Parallelen finden wir dann nicht nur bei den Inhalten der Rechte, sondern auch bei den Gründen, warum sie verfasst wurden. Vor allem, weil es Herrschaftsmechanismen gibt, bei denen Menschen sich grundlos über andere Menschen stellen, wie Sexismus, Rassismus und Antisemitismus. Wenn wir uns diese Formen der Unterdrückung und der Legitimation von Gewalt einmal genauer anschauen, merken wir, dass es sich mit unserem Verhältnis zu den anderen Tieren nicht anders verhält. Das nennt mensch Speziesismus - die Diskriminierung nur aufgrund der Zugehörigkeit zu einer anderen Spezies.

Deshalb müssen wir Menschen und andere Tiere gemeinsam von diesen Herrschaftsmechanismen befreien!

Alexander Gilly (26) isst und trägt keine Tiere und ihr Eigentum. Er ist aktiv in der Bundesjugendleitung der BUNDjugend und kämpft für eine libertäre und vegane Gesellschaft.