Biodiversität bedeutet Leben
10.04.2008: Maximilian Pichl beschreibt, warum Biodiversität so wichtig ist, weshalb wir sie unbedingt schützen müssen und was auf der COP9 in Bonn passieren muss.
| Der Artikel ist Teil einer Serie der GRÜNEN JUGEND zum Thema „Wem gehört die Welt?“, in deren Zentrum die „Eigentumsfrage“ steht. Bis zum Bundeskongress im Mai wird es hierzu viele Kommentare und Aktionsberichte geben. |
Das Jahr 2007 war das Jahr des Klimawandels. Al Gore und das IPCC gewannen den Friedensnobelpreis und auf Bali wurden die Grundsteine für ein Kyoto-Nachfolgeabkommen gelegt. Ein Thema wurde dabei jedoch weitesgehend nicht berücksichtigt: die Biodiversität.
Biodiversität wird oftmals nur als Artenvielfalt übersetzt. Aber sie ist viel mehr. Die Biodiversität steht für die Vielfalt des Lebens auf unserer Erde, sie definiert ein ökologisches Netzwerk aller Arten, inklusive des Menschen. Über Jahrtausende hat sich ein kompliziertes Gleichgewichtssystem in der Natur aufgebaut, jeder Verlust kann zu schmerzlichen Ungleichgewichten führen. Die Biodiversität ist die Grundlage unseres Lebens - und gerade wir bedrohen sie am stärksten.
Durch den Klimawandel verschieben sich bereits heute die Ausbreitungsgebiete von Tier- und Pflanzenarten, alleine in Deutschland sind 70 Prozent des Waldes schwer beschädigt. In den letzten Jahrzehnten fand ein ungeheures Artensterben in Europa statt, 24 Prozent der Säugetiere, Schmetterlingsarten und Vögel sind ausgestorben. Die industrielle Landwirtschaft und die Nutzung von gentechnisch veränderten Düngemitteln führt zu Vergiftungen im Boden, in der Luft und im Wasser.
Biodiversität: lebenswichtig und Ideengeber
Die Biodiversität ist überlebenswichtig für den Menschen. Natürliche Lebensräume wie Wälder oder Sümpfe leisten einen erheblichen Beitrag zum Klimaschutz, indem sie schädliche CO2-Emissionen binden und zur Regulierung des Klimas beitragen. Der riesige "globale Genpool" zeigt auch neue Lösungsmöglichkeiten bei drohenden Umweltveränderungen auf. Auf den Galapogos-Inseln wurden beispielsweise die sog. Darwinfinken entdeckt, die durch ihre 13 verschiedenen Schnabelformen sich einer mangelnden Nahrungsversorgung angespasst haben und nun unterschiedliche Nahrungsquellen nutzen können. Laut Schätzungen des Magazins GEO wurden erst 20 Prozent aller Arten auf der Welt entdeckt und noch weniger für den Menschen nutzbar gemacht. Nur fünf Tier- und zwölf Pflanzenarten gewährleisten heutzutage zwei Drittel der globalen Ernährungsversorgung. In der Biodiversiät steckt ein riesiges Reservoir an Ideen, um globalen Problemen wie dem Welthunger oder der sozialen Ungerechtigkeit entgegen zu wirken.
Auch die Wissenschaft macht sich die Biodiversität zu Nutzen. Die Bionik versucht zum Beispiel, biologische Konstruktionen in technische Konstruktionen umzusetzen. So wird der Bug von Schiffen technisch verändert und denen von Fischen und Walen angepasst, um die Schiffe wendiger und energieparender zu bauen. Auch unter den Vorzeichen eines globalen Energiemangels und dem Versiegen der fossilen Rohstoffe wird die Biodiversität unter ganz neuen Gesichtspunkten betrachtet werden müssen. Bereits heute gibt es Verkehrsmittel, die mit Bioethanol betrieben werden. Die ökologische Vielfalt stellt die größte Quelle für erneuerbare Energien dar.
Der größte Schatz der biologischen Artenvielfat befindet sich in den Entwicklungsländern. Dort gibt es noch die meisten Tier- und Pflanzenarten. Aber die Menschen können die natürlichen Ressourcen in ihren Ländern oftmals gar nicht nutzen. Viele Ressourcen wurden von Wirtschaftsunternehmen patentiert, den indigenen Völkern wurden dadurch ihre natürlichen Lebensgrundlagen entzogen.
Die Menschen haben die Möglichkeiten der Biodiversität noch lange nicht erforscht. Viele medizinische Mittel basieren auf natürlichen Pflanzenstoffen und es ist nicht abzuschätzen, wie viele Medikamente noch gefunden werden können. Viele Krankheiten lassen sich auf konventionelle Art nicht bekämpfen, doch durch das tägliche Pflanzensterben vernichten wir überlebenswichtige Heilstoffe. Zudem wirkt die biologische Vielfalt erholend auf Menschen. Viele medizinische Institute haben nachgewiesen, dass Patienten in der Natur schneller genesen können. Durch die Zerstörung der Biodiversität vernichten wir wichtige Orte der Erholung.
Die COP 9 als Chance nutzen
Im Mai 2008 findet die 9. UN-Naturschutzkonferenz in Bonn statt, auch COP9 genannt (Conference of the Parties). Als Gastgeberland hat Deutschland eine besondere Verantwortung und muss vorbildhaft agieren. Die Große Koalition hat hierzu einige Konzepte vorgelegt, die den hehren Ansprüchen aber ganz und gar nicht genügen. Die vollmundigen Versprechungen werden durch die Verkehrs- und Energiepolitik und die Land- und Forstwirtschaft massiv konterkariert. In Bonn müssen aber weitreichende Beschlüsse gefällt werden, denn die COP9 steht vor einem historischen Datum: dem Countdown 2010. Die Weltnaturschutzorganisation IUCN hat dieses Datum als Deadline für die Vertragsstaaten bestimmt, sodass diese bis zum Jahr 2010 Maßnahmen ergreifen, um die Zerstörung der Biodiversität signifikant zu verlangsamen. Wenig ist bisher passiert.
Der Mensch zerstört seinen eigenen Lebensraum und verbaut sich Wege für eine ökologisch-nachhaltige Zukunft. Die Berichte des IPCC haben uns gezeigt, dass der Klimawandel zu einem unumkehrbaren Problem geworden ist. Auch der Verlust der biologischen Vielfalt stellt uns vor fast unüberbrückbare Herausforderungen. Von Bonn muss ein Signal an die Vertragsstaaten ausgehen, dass endlich in der Politik umgedacht wird und die Ökologie nicht durch ökonomische Maßstäbe bewertet wird. Die GRÜNE JUGEND wird auch dafür kämpfen, dass wir endlich eine Alltagskultur entwickeln, die die Politik unter ganzheitlichen Aspekten versteht: Wirtschaft, soziale Gerechtigkeit und Natur- und Klimaschutz müssen zusammengedacht werden.
Der Autor Maximilian Pichl ist Sprecher der GRÜNEN JUGEND Rheinland-Pfalz und absolviert derzeit ein Freiwilliges Ökologisches Jahr beim Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland, Landesverband Rheinland-Pfalz e.V. (BUND).