Interview mit Ska Keller und Jan Philipp Albrecht

29.01.2009:

Silke: Habt ihr ein europäisches Schlüsselerlebnis abseits ERASMUS und Eurovision?

Jan: Bei mir war das, als die deutsch-deutsche Grenze in meiner unmittelbaren Nähe weggefallen ist und ich die Grenzanlagen und den Todesstreifen besichtigt habe. Zudem habe ich zwei europäische Staatsbürgerschaften und bin früh viel gereist.

Ska: Ich komme ja auch von einer Grenze (der polnischen), aber mein politisches Erlebnis, war als ich auf meine erste Generalversammlung der Federation of Young European Greens (FYEG) gefahren bin und mit 50 jungen Leuten aus ganz Europa um grüne Projekte gestritten habe.

Silke: Ihr beide werdet im Januar auf der Grünen Bundesliste für das Europaparlament antreten. Wie kam es zu dieser Entscheidung?

Jan: Ich habe mich in den letzten Jahren als Sprecher der GRÜNEN JUGEND immer wieder mit europapolitischen Themen wie zum Beispiel der europäischen Vorratsdatenspeicherung oder dem EURATOM-Vertrag auseinandergesetzt. Weil ich mich in diesen Feldern noch mehr bewegen will, möchte ich für die Grünen ins Europaparlament.

Ska: Ich komme ja eigentlich aus der Europapolitik, war Sprecherin der FYEG und habe so das Europaparlament kennen- und schätzen gelernt. Hier bewegt sich noch so viel, man ist einfach offener und flexibler. Deshalb möchte ich nach Europa zurück, weil ich finde, das dort meine politische Basis liegt.

Silke: Was macht für euch den Unterschied, wenn starke Grüne im europäischen Parlament sind?

Ska: Wir haben es zum Beispiel geschafft, für eine weitreichende Reform des Dublinvertrages im Parlament Mehrheiten zu gewinnen. Und das zeigt einfach, dass man mit einer starken grünen Fraktion echt was bewegen kann.

Jan: Und Grüne vertreten im EP häufig – wie etwa bei Gentechnik, Datenschutz oder Atomenergie – die Mehrheitsmeinung in der Bevölkerung. Hier macht Grün einen starken Unterschied in Europa!

Silke: Was wollt ihr konkret machen? Ska vor allem in der Migrationspolitik und Jan in der Innen- und Justizpolitik. Habt ihr Projekte, die ihr mitnehmen wollt?

Ska: Ich will da für eine grüne Migrationspolitik streiten, in der man das Recht auf Migration und das Recht auf Asyl wieder durchsetzt. Ich will die europäischen Debatten aus dem Parlament in die Europäische Grünen Partei mit ihren 30 Mitgliedsparteien und zu den jungen Menschen tragen.

Jan: Ich möchte vor allem gegen immer neue Überwachungsmaßnahmen in Europa kämpfen und dafür, dass es in der EU starke und einklagbare Grundrechte gibt. Den Sicherheitspoltikern in Europa muss endlich zu unserem Schutz ein Riegel vorgeschoben werden. Es braucht im EP eine starke Stimme für die BürgerInnenrechte.

Ska: Zum Bereich Migrationspolitik ist mir auch noch der Kontakt zu NGOs und Selbsthilfeorganisationen wichtig. Wir müssen einen Dialog mit den MigrantInnen führen, statt über sie. Das gleiche gilt auch für die Türkei, wo es eine frisch gegründete grüne Partei gibt. Da müssen wir noch mehr auf die Stimmen vor Ort hören und deren Wünsche einbeziehen.

Silke: Eure Pläne klingen nach viel Rumgereise. Würdet ihr Fliegen oder mit dem Zug fahren?

Ska: Definitiv Zug fahren. Deshalb ist es jetzt auch so unsäglich, dass die Bahn den Brüssel-Berlin-Nachtzug streicht.

Jan: Ich möchte innerhalb Europas möglichst gar nicht fliegen. Dafür sollte die EP-Fraktion aber zum Beispiel die Fraktionssitzungen an Orten machen, die mit dem Zug erreichbar sind.

Silke: Der Klimaschutz ist also auch für euch ein präsentes Thema. Was haltet ihr denn von Kohle als Übergangslösung oder der CCS-Technologie?

Jan: Ich bin dagegen, dass neue Kohlekraftwerke gebaut werden und dass viel Geld in unsichere fossile Technologien kommt. Diese Mittel müssen wir jetzt in Erneuerbare stecken. Es kann nicht sein, dass da immer noch weniger Forschungsmittel fließen, als etwa auch in die Atom- und Fusionskraftforschung.

Ska: Ich lebe ja noch dazu auf der Braunkohle, in meiner Umgebung werden gerade vier Dörfer weg gebaggert. Dazu gibt es gerade ein Volksbegehren, um den Tagebau zu stoppen, der ohnehin nur Strom produziert, der exportiert wird. CCS ist viel zu unfertig und darf auf keinen Fall auf Staatskosten gefördert werden.

Silke: Was bringt ihr neben euren Themen als Bereicherung mit in die Fraktion? Was unterscheidet euch von anderen KandidatInnen?

Ska: Unsere europäische Erfahrung. Alle, die jetzt im EP sind, sind durch ihre Berufung ins Eurpopaparlament zu „EuropäerInnen“ geworden. Während ich eine europäische Vita habe: Ich habe im Ausland gelebt, habe mich bei der FYEG engagiert und habe mit genug Grünen aus ganz Europa und der Welt zusammengearbeitet, um zu wissen, was die Gründe für eine unterschiedliche Positionierung und Arbeitsweise sind und dass man das respektieren muss. Da haben viele von den älteren Grünen noch Probleme mit.

Jan: Und wir sind auch eine Generation, die mit Europa groß geworden ist. Ich bin an der Grenze zum eisernen Vorhang aufgewachsen. Und das hat mich stark politisiert. Der Gedanke, was ist eigentlich dieses Europa der Zukunft und wie gestalten wir dieses Projekt für Frieden und Demokratie auch in Zukunft. Wir bringen die Ideen von morgen mit, wenn es um die Weiterentwicklung der EU geht und fordern diese auch klar ein.

Ska: Und was wir auch noch mitbringen ist, dass wir in der GRÜNEN JUGEND aufgewachsen sind. (lacht)

Jan: Ja..

Ska: Wo es einen sehr offenen, anregenden, innovativen und kreativen Politikstil des Diskurses, der Teamarbeit und der gemeinsamen Ideenentwicklung gibt.

Jan: Was im Europaparlament ja auch noch mal sehr hilfreich ist, wo die Mehrheitsverhältnisse oft quer durch die klassischen Parteigrenzen gehen. Ein offener Diskurs ist dort stärker gefragt, als in einem von Blöcken geprägten Parlament, wie dem Bundestag.

Silke: Was wollt ihr unseren LeserInnen noch sagen?

Jan: Auf jeden Fall im Juni Grün wählen, damit wir viele starke Grüne Abgeordnete im Europaparlament haben.

Ska: Europa ist spannend, es lohnt sich zu engagieren, schaut mal bei www.fyeg.org vorbei.

Ska Keller, 27, Landessprecherin der Grünen Brandenburg, will mit dem Votum der GRÜNEN JUGEND und der Landesverbände Berlin, Brandenburg und MVP ins Europaparlament Sie kam über die GRÜNE JUGEND zur Partei, war Sprecherin der FYEG und engagiert sich in der Migrations- und Frauenpolitik.

Jan Philipp Albrecht, 26, war bis 2008 zwei Jahr Bundessprecher der GRÜNEN JUGEND und will mit deren Votum und dem seiner Landesverbände Niedersachsen und Bremen ins Europaparlament. Er kam über die Anti-Atompolitik im niedersächsischen Wolfenbüttel zur Partei und engagiert sich vor allem in der BürgerInnenrechtspolitik.