Statue Wilhelm von Humboldts in Berlin (foto: Zephyrinus http://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/deed.de [cc])

Privatisierung von Bildung

29.03.2008: Von der Bildung als Selbstzweck zur Bildung als Spielball wirtschaftlicher Interessen, oder von Humboldt zu Bertelsmann? Stefan Lange und Maximilian Pichl beschäftigen sich mit einem traurigen Phänomen unserer Zeit.

Der Artikel ist Teil einer Serie der GRÜNEN JUGEND zum Thema „Wem gehört die Welt?“, in deren Zentrum die „Eigentumsfrage“ steht. Bis zum Bundeskongress im Mai wird es hierzu viele Kommentare und Aktionsberichte geben.

Humboldt formuliert in seinem Konzept einer humanistischen Bildung, dass sich der Mensch nur durch die Aneignung von "Welt" zu einem freien Individuum entwickeln kann. Je mehr "Welt", desto mehr Individuum - vereinfacht ausgedrückt. Mit "Welt" waren damals vor allem alte Sprachen wie Latein und Griechisch sowie die Schriften der klassichen griechischen und römischen Philosophen gemeint. Humboldt formulierte damit den Grundsatz, dass Bildung einen Selbstzweck hat. Durch die Aneignung von Wissen und damit dem Ergründen der "Manigfaltigkeit" der Welt ist es uns möglich, uns von der Gesellschaft als Individuum zu emanzipieren und eigene, bewusste Entscheidungen zu treffen. Nur so ist auch ein gesellschaftlicher Fortschritt möglich. Dieses Bildungsideal war lange Zeit der Grundsatz vieler Universitäten und Schulen. Der Fächerkanon und die starke Konzentrierung auf Fachwissen sind heutzutage zwar durchaus strittig und nicht wirklich zeitgemäß, aber der Grundsatz, Bildung als Selbstzweck zu begreifen, ist aktueller und bedrohter als je zuvor.

Die Deformation des Bildungsbegriffs

Eine der größten Bedrohungen besteht wohl durch das GATS-Abkommen (General Agreement on Trade in Services) der WTO (Word Trade Organization) und die damit immer lauter werdenden Rufe nach "PPP" (Public Private Partnership). Dies bedeudet nichts anderes als eine Teilprivatisierung der Bildung mit weitreichenden Folgen. Immer mehr Bundesländer öffnen durch Schulgesetzänderungen die Pforten der Schule für den Zugriff der Wirtschaft. Schulsponsoring gehört in einigen Bundesländern (z.B. NRW) schon zum guten Ton und viele Schulen sehen sich gezwungen, Partnerschaften mit der Wirtschaft einzugehen, da sie sonst kaum Möglichkeiten haben, ihre Technik, teilweise auch Räume etc. auf dem aktuellen Stand zu halten.

Schrittweise ändert sich dadurch auch das Ziel der Schulbildung. Bildung als Selbstzweck rückt immer mehr in den Hintergrund, denn wirtschaftliche Interessen spielen so eine immer größere Rolle. Private Organisationen formulieren immer häufiger ihre Vorstellung von guter Bildung und machen ihre Zusammenarbeit mit Schulen immer häufiger auch von der Umsetzung ihrer Vorstellungen abhängig. Ein weiteres Beispiel für die Veränderung des Bildungsbegriffs ist die PISA-Studie, die zwar glücklicherweise Bildungspolitik wieder mehr in den Fokus gerückt, aber sehr zweifelhafte Auftraggeber und Ziele hat. Die OECD als Auftraggeber will mit der Vergleichsstudie messen, wie hoch die wirtschaftliche Verwertbarkeit der Schülerinnen und Schüler ist. Dass Bildung auch ein Selbstzweck ist, spielt bei PISA keine Rolle.

Auch der immer wieder aufkommende Begriff des Humankapitals oder auch der Begriff der Human Ressource indiziert, dass es bei Bildung nicht mehr darauf ankommt, möglichst mündige und kritische BürgerInnen zu erziehen, sondern eben Menschen zu einer wichtigen Ressource für wirtschaftliche Prozesse zu machen - zu einer Ware. Dafür ist eine kritische Auseinandersetzung mit der herrschenden Hegemonie eher hinderlich.

Die Rolle der Bertelsmann Stiftung

Hier in Deustchland bemüht sich besonders eine private Organisation um die Deutungshoheit über Bildung und deren Ziele: die Bertelsmann Stiftung. Die Bertelsmann Stiftung ist Mehrheitseigentümerin der Bertelsmann AG, einem der größten Medienkonzerne der Welt. Hierdurch hat sich eine einmalige strategische Achse zwischen einer "gemeinnützigen" Stiftung und einem profitorientierten Unternehmen ergeben. Als neoliberales Think Tank versucht die Bertelsmann Stiftung - angetrieben durch ihren Stifter Reinhard Mohn - in verschiedensten gesellschaftlichen Bereichen eine Hegemonie zu erlangen. Viele Ideen der Bertelsmann Stiftung fanden z.B. Einzug in die Agenda 2010 der rot-grünen Regierung.

Auch in der Bildungspolitik versucht Bertelsmann seinen gesellschaftlichen Einfluss zu vergrößern. Vor allem in Nordrhein-Westfalen hat die Stiftung in den vergangenen Jahrzehnten einige Modellprojekte initiiert. Die betriebswirtschaftliche Transformation der Schulen ist in vollem Gang. Unter dem Motto "der Weg der Eigenverantwortlichkeit" versucht die Bertelsmann Stiftung, Schulen dazu zu bewegen, sich finanziell autonom aufzustellen und eigene Leistungskriterien in den Schulen zu verankern. Aufgrund angeblicher "knapper öffentlicher Kassen" sehen die Kultusministerin den Einfluss von Bertelsmann wohlwollend. Über 1255 Schulen benutzen bereits heute ein System namens "Selbstevaluation von Schulen", das zu einer Qualitätssteigerung des Unterrichts führen soll - das System wurde selbstverständlich von Bertelsmann entwickelt. Mittlerweile gehört es sozusagen zum guten Ton, dass Schulen mit Bertelsmann kooperieren. Es kommt sogar vor, dass Schulen, die sich weigern, mit der Stiftung zusammen zu arbeiten, erhebliche Mittelkürzungen seitens der Landesregierungen zu befürchten haben.

Bertelsmann will, dass die Schulen in einen freien Wettbewerb zueinander treten und um das beste Schulprofil konkurrieren. Bertelsmann schafft es durch seine allgegenwärtige Hegemonie die Kommerzialisierung des Bildungswesens stetig voranzutreiben. Die GRÜNE JUGEND kämpft deswegen für eine Bildungspolitik, die sich nicht auf Abkommen wie das GATS oder auf das Know-How, die Interessen und das Wohlwollen von privaten Organisationen wie der Bertelsmann Stiftung stützt. Bildung ist eine originäre Aufgabe der öffentlichen Hand und muss auch in dieser verbleiben, um Bildung zukünftig als Selbstzweck zu erhalten. Nur eine umfassende Bildung ermöglicht gesellschaftliche Teilhabe und bringt gesellschaftlichen Fortschritt. Schulen müssen mit ausreichenden finanziellen Mitteln ausgestattet werden, um ein umfassendes Bildungsangebot garantieren zu können und müssen vor dem Einfluss wirtschaftlicher Interessen geschützt werden. Wir kämpfen für eine demokratische Schulkultur, in der es den Schülerinnen und Schülern möglich ist, auch selbst zu erkennen, dass die Aneignung von Wissen und das Lernen von wichtigen Schlüsselkompetenzen auch einem Selbstzweck dient. Kämpft mit gegen GATS, gegen den Einfluss der Bertelsmann Stiftung, für mehr Mitbestimmung in der Schule und gegen ein Bewertungssystem von 1 bis 6, das ein Verständnis von Bildung als Selbstzweck verhindert!

Stefan Lange lebt in Berlin und ist Mitglied bei der Grünen Jugend Rheinland-Pfalz. Maximilian Pichl ist Sprecher der Grünen Jugend Rheinland-Pfalz.

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