Ausbildungsplätze wie "Sand am Meer"

24.09.2008: Rene Rudolf von der DGB Jugend schreibt beim SPUNK über Auszubildende in Deutschland.

Betrachtet man die überschwänglich medial inszenierten Erfolgsmeldungen der deutschen Wirtschaft, könnte man schnell zu der Auffassung gelangen, Ausbildungsplätze gibt es ab 2008 wie Sand am Meer und alle, die keinen bekommen, sind selbst daran Schuld bzw. schlichtweg nicht "ausbildungsfähig". Des Weiteren wird suggeriert, dass es besonders im Handwerk ohne zusätzliche gut qualifizierte Jugendliche aus den osteuropäischen Ländern wohl nicht mehr gehen wird.

Schaut man allerdings etwas genauer hin, wird schnell klar, dass sich die Situation weitaus differenzierter und vor allem deutlich schlechter für die jugendlichen Bewerberinnen und Bewerber darstellt. Richtig ist, dass sich die Zahl der durch die Unternehmen in 2008 gemeldeten Ausbildungsplätze erhöht hat. Richtig ist aber auch, dass derzeit etwa 160.000 betriebliche Ausbildungsplätze fehlen. Diese Lücke ergibt sich aus den derzeit bei der Bundesagentur für Arbeit registrierten Bewerberinnen und Bewerbern und den durch die Unternehmen angebotenen Plätzen.

Leer ausgegangene Jugendliche landen meist in einer der angebotenen Alternativen, wie sechsmonatige Einstiegspraktika oder Berufsvorbereitungsmaßnahmen. Sie reihen sich im darauffolgenden Jahr wieder in die Schlange der Bewerber/innen ein. So ist in den vergangenen Jahren eine enorme "Bugwelle" entstanden. Die sogenannten "Altbewerber" kommen zu der Zahl der jährlichen Schulabgänger/innen hinzu. Hauptschüler und Migrant/innen sind die Gruppen, die überdurchschnittlich betroffen sind.

Der durch die Bundesregierung eingeführte Ausbildungsbonus soll die Unternehmen finanziell unterstützen, die Altbewerber einstellen. Wer als Altbewerber gilt und gefördert wird, ist relativ offen gefasst. Inwiefern es zu Mitnahmeeffekten kommt, bleibt derzeit offen. Fakt ist: eine dauerhafte Förderung aus Beitragsmitteln kann nicht die Lösung sein. Dann wohl schon eher durch finanzielle Beiträge ausbildungsabstinenter Unternehmen.

Insgesamt bilden nur etwa 24 Prozent aller Unternehmen in Deutschland aus. Über Dreiviertel der Unternehmen sehen sich keineswegs in einer Ausbildungsverantwortung oder ignorieren das Thema konsequent. Viele Unternehmen klagen zwar darüber, dass qualifizierte Fachkräfte fehlen, investieren aber kaum oder gar nicht in Ausbildung und weitere Qualifizierung.

Die Diskussion um die von der DGB-Jugend geforderte Ausbildungsplatzumlage ist derzeit leider ziemlich festgefahren. Sie ist inzwischen so ideologisch aufgeladen, dass vergessen wird, was damit erreicht werden soll: Bei diesem Modell sollen Unternehmen, die ausbilden, finanziell unterstützt werden. Unternehmen, die nicht ausbilden wollen, zahlen dafür einen bestimmten Betrag.

Absolut vordringliche gesellschaftliche Aufgabe ist es, jedem Jugendlichen eine ordentliche Ausbildung zu ermöglichen. Die DGB-Jugend hat daher gemeinsam mit den LandesschülerInnenvertretungen die Initiative "Ausbildung für alle" gestartet. An dieser Initiative beteiligen sich Organisationen, Verbände und vor allem Schüler und Schülerinnen der Abgangsklassen. (www.ausbildung-fuer-alle.de).

René Rudolf ist Bundesjugendsekretär des Deutschen Gewerkschaftsbundes