Noten gehören verboten!
17.06.2009: Noten bestimmen das Lernen und den Unterricht. Mündliche Noten sollen zum Mitmachen im Unterricht motivieren, Klausuren und Tests sollen zum zu Hause Lernen animieren. Nebenbei sollen sie die Leistung untereinander vergleichbar machen, eine objektive Rückmeldung zum Lernstand geben und natürlich haben sie eine Selektionsfunktion. Dass sechs Zahlen das alles schaffen können, ist aber mehr als fragwürdig.
Noten machen nur Sinn, wenn sie im Vergleich gegeben werden. Eine eins ist nur dann etwas wert, wenn es auch vieren, fünfen und sechsen gibt. Eine Klausur oder ein Test mit einen Notendurchschnitt von 2,5 oder gar besser, gilt schnell als zu leicht. Ziel ist es nicht, dass möglichst alle den Stoff verstanden haben, die Lerngruppe also den Idealzustand erreicht. Hier entlarvt sich sehr schnell die gesellschaftliche Funktion von Noten. Sie sind Teil eines Selektionsmechanismus, der gesellschaftliche Herrschaftsverhältnisse reproduziert. Sie sind nicht umsonst die theoretische Grundlage für die Schulformempfehlungen für die weiterführenden Schulen. Selten aber wird diese Funktion von Noten als Rechtfertigung herangezogen. Stattdessen wird ein pädagogischer Sinn konstruiert.
Noten sollen zum Lernen motivieren. Das schaffen sie zum Teil auch. Allerdings motivieren sie zum falschen Lernen. Die Mehrzahl der SchülerInnen lernt nicht für sich selbst, sondern für die gute Note. Ein sinnvolles Lernen, dass dafür sorgt, dass das Wissen im Langzeitgedächtnis behalten wird, wird nicht durch Noten gefördert. Panisch wird kurz vor der Klausur versucht, soviel wie möglich auswendig zu lernen. Hängen bleibt das meiste im Kurzzeitgedächtnis, Zusammenhänge zwischen verschiedenen Themen können so nicht aufgebaut werden. Es geht weniger darum, den Stoff verstanden zu haben, als vielmehr darum, den Stoff zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt unhinterfragt wiedergeben zu können.
Noten machen Angst
Das Lernen für Noten nimmt vielen den Spaß am Lernen. Junge Menschen lernen unter Notendruck und einem Gefühl der Angst, anstatt ein positiven Bezug zum Lernen zu erhalten. Viele SchülerInnen halten diesem Druck nicht mehr Stand. Besonders jüngere SchülerInnen haben immer mehr Probleme damit. 44% der acht- bis neunjährigen haben Angst in der Schule zu viele Fehler zu begehen (DJI Kinderpanel 2005) und 30% der SiebtklässlerInnen leiden unter Schulversagensängsten (NRW Kinderbarometer 2003). Diese Ängste haben teilweise fatale Auswirkungen auf die Gesundheit. Nach der Bella Studie 2006 und dem NRW Kinderbarometer von 2003 klagen 46% der Fünft- bis NeuntklässlerInnen mindestens einmal pro Woche über Müdigkeit und Erschöpfung und 25% über Kopfschmerzen und Einschlafstörungen.Noten versuchen etwas unvergleichbares vergleichbar zu machen. Menschen sind keine Maschinen, die einfach funktionieren und deren Leistung untereinander vergleichbar ist, wie zum Beispiel die Gigahertzzahl von Computerprozessoren. Lernen ist ein Prozess und deswegen nicht objektiv bewertbar. Tests und Klausuren stellen lediglich dar, wieviel Wissen zu einem bestimmten Zeitpunkt, unter großem Stress wiedergegeben werden kann. Die tatsächliche Leistung einer/s jeden einzelnen, die nötig war um diese Momentaufnahme auf das Papier zu bringen, wird aber nicht gemessen. Die sozialen Hintergründe, die Lernsituation zu Hause oder die Menge an Zeit die investiert werden kann um zu lernen, wird nicht berücksichtigt. Auch der Fortschritt der gemacht wurde, im Vergleich zum letzten Test, findet kaum Berücksichtigung.
Noten sollen den SchülerInnen ein brauchbares Feedback zu ihrem Lernstand geben. Allerdings werden sie den Anforderungen an ein solches Feedback nicht im geringsten gerecht. Sie geben keinen Hinweis darauf, was verbessert werden muss und vor allem wie. Es hängt am Wohlwollen der LehrerInnen ab, ob sie Noten und Korrekturen mit entsprechenden Hinweisen kommentieren. Zur Verbesserung bleibt meistens keine Zeit. Die Klausuren werden üblicherweise am Ende einer Unterrichtseinheit geschrieben und danach wird nur selten auf den Stoff im Unterricht zurückgegriffen und das Nachlernen zu Hause ist oft unmöglich, da neuer Stoff ansteht, der bewältigt werden muss. Aber gerade ein fundiertes Feedback zum Lernstand ohne Bewertung, ohne Verurteilung ist für viele SchülerInnen wichtig um den weiteren Lernprozess eigenverantwortlich zu planen.
Was wir wollen – Auszug aus der Beschlusslage der GRÜNEN JUGEND
Die GRÜNE JUGEND fordert deshalb die Abschaffung des derzeitigen Notensystems und die Einrichtung von Lernberichten, die die individuellen Lernprozesse der Schülerinnen und Schüler beschreiben. Die Berichte zum Lernvorgang sieht die GRÜNE JUGEND als das adäquate Instrument der Leistungsbeschreibung. Sie erlauben, im Gegensatz zu normierenden Bewertungssystemen, SchülerInnen als Individuen zu würdigen und ihre Leistungen als Bestandteil und Ergebnis eines Entwicklungsprozesses unter verschiedenen Aspekten (dem des individuellen Lernvorgangs, dem des Lernens in der Gruppe und dem der jeweiligen Sache) in den Blick zu nehmen. Sie werden im Dialog zwischen den Lehrenden und den SchülerInnen erstellt. Die Lernberichte erfüllen mehrere Funktionen. Sie dokumentieren, was die Schülerinnen oder der Schüler in diesem Lernabschnitt gelernt oder geleistet hat, sie informieren zugleich die Eltern, sie würdigen die Leistung und sie stellen somit ein Mittel und eine besondere Form der Kommunikation zwischen den beteiligten Personen dar.
Der/Die AdressatIn der Berichte sollen die SchülerInnen sein. Sie richten sich unmittelbar an das Kind und sind in einer dem Kind gerechten Sprache abgefasst. Die Eltern werden also mittelbar informiert.
Die Berichte sind ein wichtiger Bestandteil der gesamten pädagogischen Arbeit der Schule und nur vor diesem Hintergrund zu verstehen. Das heißt, dass diese Berichte nichts wesentlich Neues enthalten, sondern dokumentieren und fassen zusammen, was den SchülerInnen bereits bekannt ist. Sie beschreiben, was und wie sie gearbeitet haben. Sie beschreiben SchülerInnen und ihre Leistungen vor dem Hintergrund der jeweiligen Entwicklung. Sie beziehen sich auf das, was war und sind auch auf die Zukunft gerichtet. Zudem beschreiben und bewerten sie nicht nur, sondern geben auch Beratung, 'Unterstützung, Hilfe und Ermutigung. Sie dürfen nie verurteilen, also nichts festschreiben, was das Kind als unabänderlich verstehen
Der Autor, Stefan Lange, ist Beisitzer im Bundesvorstand der GRÜNEN JUGEND.