Inklusion und Migration im Bildungssystem
27.07.2011: Ein Seminarbericht von Patrick Vosen aus dem FaFo Bildung.
Am Wochenende vom 10. - 12. Juni verbrachten einige grüne Igel ihre Zeit in Berlin, um sich dort um das Thema Inklusion und Migration im Bildungssystem zu streiten. Na gut, "Streiten" ist wohl das falsche Wort, da wir eigentlich in der GJ wissen, dass Inklusion wünschenswert ist.
Dieses Seminar bot uns die Chance, uns tiefer in diesen weiten Bereich der Inklusion und Migration einzuarbeiten und erhielten sehr viel Input dazu! Bevor wir jedoch unsere Ohren im Rahmen der Workshops angestrengt spitzen sollten, nutzten wir den Freitag, um uns selbst gegenseitig über unsere Erfahrungen mit Migration und Inklusion auseinanderzusetzen. So fragten wir uns beispielsweise, ob unterschiedliche Sprachen zu Barrieren und Ausgrenzung führen und inwiefern ein Migrationshintergrund etwas mit Kriminalität oder schlechteren Bildungschancen zu tun hat. Außerdem berichteten wir von den zahlreichen nicht barrierefreien Schulen aus unseren Heimaten und das Problem des Gymnasiums im Konzept einer inklusiven Schule. Diese und noch weitere Punkte waren in den folgenden Tagen hilfreich, um die ReferentInnen auf bestimmte Themenbereiche anzusprechen.
Am Samstag Morgen freuten wir uns sehr auf die Referentin Ska Keller, EU-Parlamentsabgeordnete mit dem Fachgebiet Migration, die uns die Migrationsbewegungen in die und innerhalb der EU erklärte. Wie gelangen Menschen mit Migrationshintergrund eigentlich nach Deutschland und welche Chancen haben MigrantInnen in die Bildungssysteme der verschiedenen EU-Staaten aufgenommen zu werden? Welche Hindernisse ergeben sich? Nach dem Input von Ska konnten wir erkennen, dass Deutschland, was Bildungschancen betrifft, weniger gut abschneidet. Direkt im Anschluss besuchte uns Özcan Mutlu und erklärte uns die praktischen Aussichten eines inklusiven Schulsystems in der Großstadt Berlin.Schulen sollten eigentlich grundsätzlich inklusiv sein. In Berlin werden hingegen in jedem Bezirk ein Förderzentrum für Kinder mit Behinderung aufgebaut, um dem Wunsch der Eltern der Kinder mit Behinderung nachzukommen. Nach Möglichkeit soll die Zahl der Förderzentren mit der Zeit allerdings wieder verringert werden, da man hofft, dass immer mehr Eltern von Kindern mit Behinderung die inklusive Schule für die bessere Variante halten. Natürlich bliebe das nicht kostenfrei, doch mit der Zeit zahle sich der Kostenaufwand aus. Am Samstag Nachmittag trafen wir einen Mitarbeiter von Gangway, eine Organisation für Straßensozialarbeit. Die MitarbeiterInnen von Gangway gehen auf die Straße und arbeiten dort mit Jugendlichen mit verschiedensten Problemen. Sie unterstützen sie beispielsweise bei schulischen Problemen oder Konflikten im Elternhaus. Der Mitarbeiter von Gangway berichtete über verschiedenste Projekte und schilderte uns die Probleme, um die sich die MitarbeiterInnen von Gangway kümmern. Dabei wurde klar, dass viele dieser Probleme auch im Zusammenhang mit Bildung stehen (beispielsweise die frühe Selektion, bedingt durch die verschieden Schulformen).
Am Sonntag haben wir Sarah Benke dazu eingeladen uns einen Vortrag über "Taube Lebenswelt(en)" zu halten. Bei Sarahs Schilderungen hat sich für uns eine neue Welt aufgetan, da wir niemals bedacht hatten, wie komplex dieses Thema ist. Nach über 4 Stunden Input und kaum enden wollender Diskussion wurde uns klar, dass wir uns auf jeden Fall nochmals mit dem Thema beschäftigen müssen. So gibt es viele verschiedene Gebärdensprachen auf der Welt, mit ihren eigenen Dialekten, die sich über die Jahrhunderte verschiedenst weiterentwickelt haben. Die Gebärdensprache, die zum internationalen Kommunizieren verwendet wird, ist oftmals die US-Amerikanische Gebärdensprache. Weiterhin gibt es Lautsprachenbegleitende Gebärden, die allerdings keine eigene Sprache darstellen, sondern lediglich eine Visualisierung der gesprochenen Sprache sind und Lautsprachenunterstützende Gebärden, welche nur die Visualisierung von Signalwörtern sind. Außerdem wird der ganze Körper zum Kommunizieren genutzt und es gibt eine ganz andere Grammatik, verglichen zur Lautsprache, woraus sich wiederum Probleme beim Schreiben von Texten für Gehörlose ergeben können. Deshalb erzogen früher viele Eltern und PädagogInnen gehörlose Kinder oral, d.h. sie mussten Lippenlesen oder konnten nur mit lautsprachbegleitenden Gebärden kommunizieren. So hatten die Kinder oft keine Chance die Gebärdensprache zu lernen. Hierbei ergeben sich ebenfalls Probleme, die im Schulsystem eine große Rolle spielen. Es gibt kaum Schulen, die sich für gehörlose spezialisiert haben und die, die es gibt, entsprechen nicht sonderlich der Idee einer inklusiven Schule (oft sind sie nur für Gehörlose). Außerdem gibt es KEINE Universität für Gehörlose in ganz Europa (nur eine in den USA).
Insgesamt haben wir ein sehr interessantes und aufschlussreiches Wochenende verbracht. Die BGS haben wir alle mit vielem neuen Wissen im Gepäck wieder verlassen. Das Schulsystem ist, so wie es momentan ist, ziemlich ungerecht und das Seminar hat uns um so deutlicher gezeigt, dass Veränderungen geschehen müssen! Wenn wir auf dem Weg sein wollen die Schule chancengerechter zu gestalten, müssen wir uns, trauen auch das Schulkonzept in grundlegenden Punkten zu ändern. Eine inklusive Gesellschaft, unser Ziel, schließt auch Menschen mit Migrationshintergrund und Behinderungen ein! Wieso also auch nicht im Bildungssystem?