Genuss in Eritrea
15.11.2009: Eine Auslandskorrespondenz von Georg über die Genuss(möglichkeiten) in Eritrea.
Das erst seit Anfang der 1990er Jahre unabhängige Eritrea befindet sich noch immer im Kriegszustand mit dem aggressiven Nachbarn Äthiopien. Beide Länder haben die größten Streitkräfte des Kontinents und sind zugleich die Armenhäuser. Kein politischer und humanitärer Genuss.
Während ein semi-totalitäres Regime wie im Iran zu einer politischen Apathie der Jugendlichen führt, welche sich teilweise in Raves, Drogen und Sex ertränken, ist dem in Eritrea nicht so. Drogenkonsum ist zwar möglich, „but you don't wanna try“ wird nur geraunt. Ob dies an verschmutztem Cannabis, schlechtem Meth oder dem sicheren Ende der eigenen Existenz im Falle einer Entdeckung liegt, bleibt unklar. Die Jugendlichen hier geben sich – zumindest in dem halb-öffentlichen Teil der Szene – keinen Exzessen hin. Die Trinkgewohnheiten sind sehr viel bescheidener als bei deutschen Tourist_innen, aber es existiert eine rege Kneipenkultur, vor allem für Männer die dem lokalen „Asmara Beer“ fröhnen.
Zwar herrscht ein reger Verkehr zwischen Männlein und Weiblein, aber homosexuelle Straftaten stehen unter strengster Strafe. Offiziell gibt es „sowas“ aber auch gar nicht im orthodox-islamischen Eritrea.
Vom einstigen „Saigon Afrikas“, wie die Hauptstadt Asmara in den 1950er Jahren genannt wurde (als die USA hier noch einen Stützpunkt hatten), ist nicht viel übrig geblieben. Keine betrunkenen Männer oder leichten Frauen (oder gar umgekehrt) sind zu sehen. Der 30-jährige Krieg hat seine Spuren hinterlassen. Die Seele ist schwerer geworden hier. Invalid_innen sitzen am Straßenrand und betteln oder verkaufen Taschentücher – Made in Eritrea (leider kein Genuss für die Nase).
Das italienische Flair mit vielen Cafés und Art Deco Bauten – Mussolini wollte hier die Basis des neuen italienischen Empires in Afrika sehen – laden zum genüsslichen Flanieren und Glotzen ein. Fast immer trifft mensch Bekannte auf der einzigen Hauptstraße und die Kultur verführt zu sehr, sich nochmal mit einem Macchiato zusammen zu setzen. Noch verbreiteter ist aber die Kaffee-Zeremonie in Privathaushalten, bei welcher das schwarze Gold noch selbst zubereitet wird.
Auch Sprachliebhaber_innen können das Land am Horn genießen. Denn Englisch wird schon den Kleinsten beigebracht und somit ist die Kontaktaufnahme immer leicht. Ältere Menschen sind noch dem Italienischen mächtig und Arabisch hat einen großen Einfluss. Straßenschilder sind dreisprachig: lateinisch, arabisch und in Tigrinya, der Sprache der Hauptethnie. Tigrinya besteht aus Symbolen, die alle einen Laut (meist ein Konsonant und ein Vokal) bedeuten. Es ist ein Genuss, das Entziffern von eigentlich bekannten Wörter zu versuchen.
Georg Kössler