Heroin - die unbekannte Droge
24.11.2005: Die GRÜNE JUGEND hat auf ihrem vergangenen Bundeskongress die Legalisierung aller Drogen beschlossen. Was heißt das? Und wie genau wirken die einzelnen Drogen? Heute: Heroin.
Diacetylmorphin oder besser bekannt als Heroin ist ein Opioid. Hergestellt wird Heroin aus Morphin und Essigsäureanhydrid [2], es wird jeweils eine Acetylgruppen (-CO-CH3) an die beiden Hydroxylgruppe (-OH) des Morphin gebunden.
In unserem Körper wirken opioidartige Substanzen als Schmerzmittel (Analgetika) in dem sie Opioidrezeptoren im Rückenmark und in höheren Ebenen des Zentralnervernsystem besetzen. Dort mindern sie die Intensität und die Verarbeitung der Schmerzimpulse. Sie grenzen sich damit von nicht-opioidartigen Analgetika (z.B. Acetylsalicylsäure) ab, die Schmerzen und Entzündungen an ihrem Entstehungsorts bekämpfen. Diese werden deswegen auch „peripher wirkende“ Analgetika genannt.[1]
Kurz nach der Entdeckung von Opioidrezeptoren und anderen spezifischen Rezeptortypen 1973 wurden 1975 auch die endogene Morphine, kurz Endorphine gefunden. Diese Substanzen sind vom Körper selbst produzierte Opioide und regeln dort Schmerz und Hungergefühle. Damit konnte das Vorhandensein von Opioidrezeptoren sowie Phänomene wie die Schmerzlosigkeit von Schwer verletzen schlüssig erklärt werden. Ebenfalls bekannt sind die Endorphine als sog. „Glückshormone“ die positive Gefühle auslösen können u.a. bei Sportlern das „Runner's High“.[3]
Es gibt drei verschiedene Opioiderezeptorklassen, wobei sich beim µ-Rezeptor nochmals zwei Unterklassen unterschieden werden. Unterschiedliche Opiodanalgetika wirken verschieden stark an den einzelnen Rezeptoren und können sowohl eine aktivierende / agonstische als auch eine inhibierende (hemmende, lindernde) / antagonistische Wirkung besitzen. Beispielsweise ist Naloxon ein reine Opioidantagonist und hat keinerlei (analgetische) Wirkung außer das Aufheben der Wirkung anderer Opioide. Die Wirkung von Heroin entsteht durch die Metaboliten 6-Monoacetylmorphin (6-MAM) und Morphin, welche stark am My und weniger stark am Kappa Rezeptor wirken. Sie entstehen durch die Schrittweise Deacetylierung des Heroins. Heroin ist stärker lipidlöslich als Morphin und durchdringt die Blut-Hirn-Schranke wesentlich leichter (bei Morphin schafft es nur etwa 20% des Wirkstoffs), daher die intensivere Wirkung. Heroin besitzt deswegen eine Morphinäquivalenzdosis von 3-6. Die Deacetylierung von Heroin in 6-MAM dauert etwa 2 Minuten, die Abspaltung der zweiten Acetylgruppe etwa 20 min [5]. „Heroin ist quasi die Transportform für 6-MAM und Morphin, diese beiden sind die eigentlich wirksamen Substanzen.“ [5]. Morphin besitzt eine Halbwertszeit von 2 Stunden und eine Wirkungsdauer von 5 Stunden. Die Zeit bis zur Wirkung bei IV Konsum beträgt einige Sekunden bis Minuten [6]. „Dieser Umstand ist für Abhängige von großer Bedeutung, da sie sich die Drogen dementsprechend in Abständen von nur drei bis fünf Stunden verabreichen müssen und folglich unter einem ständigen Beschaffungsdruck stehen.“[1]. Zu unterscheiden ist dies aber deutlich von Drogen wie Kokain und speziell Crack, bei denen die Wirkung sehr viel schneller abklingt (Crack 5-10 min) und ein sofortiger Drang für einen weiteren Konsum entsteht. Ein körperliche Heroinabhängier mit einer starken Toleranz wäre mit ca. 4 Gramm reinen Heroin für 10 Tage sicher versorgt und hätte kein Bedürfnis nach mehr Substanz, ein Crackabhängiger würde wohl eine beliebige Menge Crack rauchen bis er tot umfällt.
Wirkung: My Rezeptor: Analgesie, entspannte Euphorie, Ruhegefühl, Befreiung von Furcht und Sorge, Dämpfung von Atmung und Hustenreiz Kappa Rezeptor: Analgesie, Pupillenverängung, Sedierung
Die Atemdepression erfolgt aufgrund einer Herabsetzung der Empfindlichkeit des Atemzentrums, welches die Atemfrequenz in Abhängigkeit vom CO2 Gehalt im Blut steuert. Die Dämpfung des Hustenreizes war im Übrigen eine der ersten Anwendungsgebiete von Heroin, als nebenwirkungsarmes Hustenmittel für Kinder.
Ferne „Übelkeit und Erbrechen, die kennzeichnendste und unangenehmste Nebenwirkung des Morphins (sic!)“ [1] sowie Verstopfungen.
Abhängigkeit und Toleranz Der häufige Gebrauch von Opioiden führt zu einer Toleranz des Körpers gegenüber den Wirkungen des Opioids. Die Toleranzentwicklung hängt von der Dosis und der Konsumfrequenz ab. „Bei gelegentlichem Genußkonsum eines Opioids können also geringe Dosen weiterhin wirksam sein und müssen nicht deutlich gesteigert werden [...]“ [1]. Insgesamt tragen drei Mechanismen zur Toleranzbildung bei: Eine schnellere Metabolisierung durch die Leber, Abnahme der Rezeptorempfindlichkeit sowie eine reversible, erlernte Verhaltenskonditionierung. Die Toleranz gegenüber einem Opioid führt zu einer sog. Kreuztoleranz gegenüber allen Opioiden, nicht jedoch gegenüber Alkohol oder anderen Sedativa. Die atemdämpfende Wirkung dieser Stoffen addiert sich zu jeder des Opioids und kann dadurch lebensbedrohlich werden. Die Entzugerscheinungen sind u.a. Schwitzen, Angstzustände und Depressionen, Fieber, starker Durchfall, Krämpfe, Kälteschauer sowie intensive Schmerzen. Im Gegensatz zur Alltagsdroge Alkohol ist der Opioidentzug nicht lebensbedrohlich, eine Behandlung erfolgt symptomatisch. Die Stärke des Entzugs hängt wie die Toleranz von Dauer, Dosis und Frequenz des vorhergegangen Konsums ab. Ein gezielter Entzug sollte schleichend erfolgen d.h. die Opioiddosis sollte langsam über einen gewissen Zeitraum vermindert werden. Neben der körperlichen Abhängigkeit gibt es noch das protrahierte Abstinenzsyndrom, welches bis zu sechs Monaten andauert und sich in Form von Depressionen, Angst sowie anderen psychischen Beeinträchtigungen äußert. Diese Syndrom überlagert sich meist mit affektiven Psychosen oder Persönlichkeitsstörungen, welche unabhängig vom Drogenkonsum exisiteren, aber bei Opioidabhängigken eine hohe Prävalenz besitzen. Dies kann teilweise durch soziale und persönliche Probleme (Gewalterfahrungen, Vergewaltigungen) im Vorfeld und parallel zum Drogenkonsum erklärt werden.
Mengen: Für Ungewohnte sind eine Konsumeinheit 5 bis 20 mg Wirkstoff beim Sniefen und 5 – 10 mg bei intravenösem Konsum. Die für einen nicht gewöhnten Menschen letale Dosis beträgt 50 – 60 mg. Bei Konsumenten bildet sich eine Toleranz aus, die Tagesdosis kann um ein Vielfaches (Faktor 20 und mehr) steigen. Dieser Konsum verteilt sich meist auf drei oder mehr Injektionen pro Tag bei einen Abhängigen.
In der derzeit laufenden Studie zur Heroinvergabe an Schwerstabhängige bekommen die Teilnehmer bis drei mal täglich bis zu 400 mg reines Heroin, maximal 1000 mg pro Tag. Schweizer Untersuchungen zur Heroinabgabe geben an daß sich die allermeisten Konsumenten bei freier Wahl der Menge zwischen 300 und 500 mg Heroin pro Tag einpendeln. Die Konsummengen sind allerdings für einen „normalen“ Abhängigen kaum bezahlbar [7].
Kontrollierter Heroinkonsum ? „Vor allem die beiden amerikanischen Forscher Norman E. Zinberg und Wayne M. Harding haben nachgewiesen, daß ein großer Teil der Heroinkonsumenten nicht abhängig wird, sondern vielmehr über Jahre einen kontrollierten, nicht-abhängigen und von Regel- und Erfahrungswissen geleiteten Konsum betreibt.“[8] Ferner wiesen sie drauf hin, dass die Gesellschaft und Wissenschaft ihre Aufmerksamkeit gerade auf die klassischen „Junkies“ mit all ihren Problemen richtet und somit alleine aufgrund dieser sehr selektive Wahrnehmung es nur scheinbar keine nicht abhängigen HeroingelegenheitskonsumentInnen gibt.[9]
Von Max Plenert, Koordinator des Fachforums Drogen bei der GRÜNEN JUGEND
Beschluss
Drogenfachgeschäfte - Beschlossen auf dem Bundeskongress der GRÜNEN JUGEND im November 2005 in Koblenz
Quellen
- [1] Drogen und Psychopharmaka, Robert M. Julien
- [5] Handbuch für Drogenkranke in Wien, Ärztekammer für Wien, www.aekwien.at/media/Drogenhandbuch.pdf
- [6] Wirkungsdauer, Nachweiszeit und Halbwertzeiten bei Drogen, Maximilian Plenert
- [7] Überblick Mengenangaben bei Betäubungsmitteln, Maximilian Plenert
- [8] Kiffen dürfen reicht nicht oder: Radikale Alternativen in der Drogenpolitik, www.drogenkult.net/?file=text001&view=4
- [9] Drogenpolitik! So nicht!, Dorothea Pfeiffer: www.heroinbroschuere.de/dp.html
- Expertise zur ärztlichen Heroinverschreibung, Im Auftrag des Fonds Soziales Wien, Alfred Springer, Ludwig-Boltzmann-Institut für Suchtforschung; www.api.or.at/lbi/pdf/040622_expertise_heroinverschreibung.pdf