Die Skinheadbewegung - zwischen Subkultur und Vorurteil
25.08.2003: Der SPUNK berichtet über die Skinhead-Bewegung und gibt Antworten auf viele Fragen.
Als die Autorin dieses Artikels etwa 12 Jahre alt war, gab es in ihrer Heimatstadt einen Spruch, an dem sie jeden Tag mit dem Bus vorbeifuhr: "Skinheads sind keine Nazis!" Und immer wieder grübelte sie über diese Aussage nach; wurde in Zeitung und Fernsehen nicht immer von ausländerfeindlichen, rechtsextremen prügelnden Skinheads gesprochen? Waren das etwa keine Neo-Nazis?
Und wirklich ist wohl kaum eine andere Jugendbewegung so umstritten und mit Vorurteilen behaftet wie die Skinheadkultur. Zur näheren Auseinandersetzung und gegebenenfalls zu einer Entmystifizierung dieser subkulturellen Gruppe ist es nötig, sich mit ihren Anfängen zu beschäftigen:
In den Jahren '69/'70 entstand in den Londoner Arbeitervierteln, die Skinheadkultur.
Ihre Mitglieder stammten hauptsächlich aus dem Arbeitermilieu und gingen Gelegenheitsarbeiten nach. Es bildeten sich mehrere Cliquen, die jeweils einen Anführer hatten, der aufgrund von Körperkraft, Geschicklichkeit, Mut, Vertrauen und Alter in diese Rolle hineinwuchs. Viele hatten auch damals schon Tätowierungen und trugen auffällige Ohrringe. Ihre Cliquenkleidung war oft sehr kostspielig.
Die Aktivitäten beschränkten sich in erster Linie auf Geselligkeit. Mensch baute sich selbst Instrumente, textete bekannte Schlager für cliqueneigene Botschaften um, zog ins Umland und bewegte sich zu einem "rumpelstilzartigem" Tanzstil zu den eigenen Liedern ums Lagerfeuer.
Eine ihrer bekanntesten Strophen lautet: "Grün-weiß-grün ist unsere Farbe, grün-weiß-grün ist unser Stolz, Wo wir Latscher sehn, jibt's Keile, Wo wir Nazis sehn Kleinholz." Befreundete Gruppen begrüßte mensch mit "Wild frei" und verfeindete mit "Zicke-zacke"-Ruf und anschließender Schlägerei. Konflikte wurden meist körperlich und ohne Waffen ausgetragen.
Damalige Skins hatten überhaupt eine Vorliebe für körperliche Aktivitäten. Vor allem lieferte mensch sich Schlägereien mit verfeindeten Cliquen und Nazis. Untereinander herrschte ein ausgesprochenes Solidaritäts- und Loyalitätsgefühl: Finanzschwachen wurde geholfen, Wohnungslosen Obdach gewährt. Das größte Feindbild aller Cliquen waren Vertreter der Ordnungsmacht (Polizei, Lehrer, Fürsorge, politische Organisationen); Ideologien lehnten sie ab und mensch konzentrierte sich auf "Wein, Weib, Tanz und Gesang."
Diese Charakterisierung, welche die Wilden Cliquen der 20er Jahre meint, könnte zum größten Teil auch die heutige Skinheadkultur beschreiben.
Skins wollten meist hart und smart zugleich aussehen. Nach außen hin waren Bergarbeiterschuhe des Dr. Marten, Jeans, Baumwollhemden, Hosenträger und kurze Haare ersichtlich.Betont wurde bewusst die männliche Härte und Zugehörigkeit zur Working-Class.
Vorläufer der Skins waren andere Jugendkulturen, wie z.B. auch Rocker oder Mods. Anders als die späteren Skinhead-Gruppierungen suchten Mods die Individualität. Sie orientierten sich an der Mittelschicht, besaßen schicke Klamotten und vertrieben sich ihre Zeit in Discotheken und edlen Clubs. Bezogen auf den dekadenten Lebensstil stand "der Skin" den verhassten Rockern näher als den Mods. Rocker besaßen jedoch ihrer Meinung nach keine Hygiene, hatten langes, zerzaustes Haar und eine schlechte Einstellung, wie z.B. zur Arbeit. Dann gab es allerdings auch noch die sog. Hard-Mods. Sie sahen smart aus und hatten einfache, aber korrekte und saubere Klamotten an und orientierten sich an der Arbeiterklasse.
Die ersten Skins waren nicht rassistisch, wovon sich auch heute noch viele distanzieren. Die Szene bestand aus Skinheads verschiedener Nationalitäten und Hautfarben. Gemeinsam hatten sie die Ablehnung gegen das politische Regime.
In den 50er Jahren, im Wiederaufbau nach dem 2. Weltkrieg, erfolgte in England die De-Industrialisierung. Es kam zum Abbau der Schwerindustrie, wie in Bergwerken oder auf dem Land und dafür zum Anstieg der Büroarbeiten, die Dienstleistungsgesellschaft wurde ausgebaut. Die Skins gingen wie schon erwähnt sehr häufig Gelegenheitsarbeiten nach.
Wenn ihnen die Arbeit nicht gefiel, weil ihnen z.B. ihr Chef Probleme bereitete, wechselten sie einfach ihren Job. Viele gingen im Frühjahr und im Herbst arbeiten, um im Sommer, wenn das Wetter gut war, Spaß zu haben und im Winter, wenn es kalt war, nicht arbeiten zu müssen. Sie kamen auch mit wenig Geld aus, da sie keine besonderen Einrichtungen in ihren Wohnungen besaßen und mit dem Nötigsten gut auskamen, mit der Stärkung des Dienstleistungssektors war dieser Lebensstil nicht lange zu halten.
Durch die erhöhte Einwanderung aus den ehemaligen Kolonien gab es vermehrt Übergriffe auf Andersfarbige und die Ausländerfeindlichkeit unter einigen in der Szene begann sich zu entwickeln. Skinheads gerieten von nun an unter Beschuss und hatten mit Unterstellungen, wie z.B. rassistisch und rechtsextrem zu sein, zu kämpfen.
Es gab viele Skins, die dies nicht unterstützten, weil es nichts mit ihrer eigentlich unpolitischen Einstellung zu tun hatte, aus der sie entstanden waren. Diese schlossen sich mit Einwanderern zusammen und bekämpften die rassistischen Anhänger der Szene. Ganze Stadtviertel wurden als Revier der einzelnen Banden genutzt, um untereinander Kämpfe auszuführen.
So begann sich die Szene zu spalten. Skinheads sind keine homogene Gruppe: es entstanden mehrere Untergruppen wie Nazi-Skins, Oi!-Skins, bis hin zu Redskins oder SHARP-Skins, welche hier kurz näher erläutert werden sollen:
Rudeboys: Einwanderer aus den ehemaligen Kolonien brachten ihre Musik mit, den Reggae. Reggae vermischte sich mit dem Blues und Soul der Mods. Daraus entstand der SKA. Rudeboys vertreten deren Subkultur und sind keinesfalls mit Faschos gleichzusetzen.
Hooligans: Sind die Rowdies in den Fußballstadien, die gern Krawalle machen. Vermischt mit einer gehörigen Dosis Alkohol schlagen sie sich mit Hooligans oder unschuldigen Fans ihrer Gegenmannschnschaft. Es kommt nicht gerade selten vor, dass auch menschenverachtende, rassistische oder nationalistische Schlachtrufe das Stadion mit Gebrüll beschallen. Auch "Sieg Heil!", vermengt mit einem ihrer Fußballparolen, hört mensch nicht selten, wenn eine Gruppe Hooligans zusammensitzt. Fußball ist eben auch eine Vorliebe vieler Skins. Und wenn es dann Nazi- Skins sind, die in der Hooligangruppe mitwirken, dann finden auch viele sonst vielleicht unpolitische Hooligans den Einstieg in die rechte Szene.
S.H.A.R.P.-Skins: S.H.A.R.P = Skinheads Against Racial Prejudice, was soviel bedeutet wie, dass es eine politische Bewegung gegen rassistische Vorurteile ist. Sie gründeten sich, um die Szene wieder ins rechte Licht zu bringen und gegen rassistische und faschistische Strömungen anzukämpfen.
Oi!-Skins: Oi!-Skins geht es um Spaß, Party, Saufen, Fußball, Frauen und Zusammenhalt in der Szene und mit den Punks. Die Oi!-Szene entwickelte sich '77 aus bzw. mit den Punks, um der aufkommenden Punkszene wieder das "Working-Class" und "day-to-day-life"-Bewusstsein zurück zu bringen.
Oi bedeutet, Spaß zu haben und distanziert sich von politischen Einflüssen. Die Lebensart ähnelt stark dem der Skins of '69 und so ist ein Oi!-Skin schon mal schnell den ganzen Tag besoffen oder erfreut sich an einem gepflegten Fußballspiel. Oi-Skins sind nicht rechts oder links. Natürlich hat jeder Mensch eine Meinung, jedoch positionieren sie sich nicht in einer der beiden Szenen.
Redskins: Die Redskins verkörpern wie der Name schon sagt die "rote Politik" und sind an sich das krasse Gegenteil der Nazi-Skins.
Folglich sind sie politisch links.
Sicherlich kann dieser Artikel nur einen kurzen Abriss geben und lediglich einen Versuch darstellen, die Skinhead-Szene etwas näher zu beleuchten. Für weitere Informationen ist das Sachbuch "Die Skins. Mythos und Realität" von Klaus Farin, erhältlich für etwa 20 Euro zu empfehlen.