Rosa unter'm Halbmond
23.05.2009: Zur Situation von Schwulen und Lesben in der Türkei. Ein Artikel von Stephan Siepe.
Die Situation von Lesben und Schwulen in der Türkei verdeutlicht die starke Diskriminierung und soziale Ächtung, unter der Teile der türkischen Gesellschaft noch immer leiden müssen. Zwar existieren schwullesbische Menschenrechtsgruppen und in den Großstädten beginnt sogar langsam sich eine eigenständige Homo-Szene zu entwickeln, trotzdem sind Lesben und SCwhule enormer staatlicher sowie sozialer Gewalt ausgesetzt.
„Wir werden in der Schule von unseren Klassenkameraden, Lehrern und Vorgesetzen verstoßen, erniedrigt, verspottet und verprügelt. Unsere Lehrbücher und die Lehrinhalte versuchen uns glauben zu machen, das wir diese Angriffe verdienen.“ Dieser Satz stammt aus einer Pressemitteilung eines Treffens von türkischen Lesben und Schwulen und veranschaulicht die prekäre Situation dieser Menschen. Das Thema Homosexualität gilt in der Türkei immer noch in den meisten sozialen Kreisen als Tabu. Zwar ist die Türkei im Vergleich mit anderen muslimischen Ländern recht liberal, doch müssen auch türkische Lesben und Schwule in der Schule, in der Familie, am Arbeitsplatz und auf der Straße mit Anfeindungen, Beleidigungen und teilweise sogar gewalttätigen Übergriffen rechnen. Homosexueller Sex wurde in der Türkei nie strafrechtlich verfolgt (anders als in Deutschland), jedoch besteht auch kein Antidiskriminierungsgesetz, wodurch Lesben und Schwule oft unter willkürlicher Gewalt leiden und sie hiergegen strafrechtlich nicht angehen können.
Human Ricghts Watch und türkische Menschenrechtsgruppen verweisen immer wieder auf Berichte nach vort allem Schwule sogar enormer physischer Gewalt ausgesetzt sind. Einerseits von fundamentalistischen Muslimen denen beigebracht wird es sei ein religiöser Akt Homosexuelle zusammen zuschlagen und andererseits oftmals arme Jugendliche denen erzählt wird, Schwule seien besonders reich und dekadent und daher gut aus zu rauben. Organisierte neofaschistische oder islamistische Gruppierungen observieren geradezu die schwulen Treffpunkte und lauern ihren potentiellen Opfern auf um sie zu berauben, zusammen zuschlagen und zu terrorisieren.
Ein Sonderfall in der türkischen Kultur ist die Problematik Schwuler im Militär. Da Homosexualität hier als psychische Störung gilt dürfen sie per Gesetz eigentlich nicht zum Militärdienst eingezogen werden. Allerdings sieht dies in der Praxis etwas anders aus. Zum Beweis für ihre tatsächliche Neigung wird von ihnen verlangt, umfangreiches pornographisches Material von ihnen dem Militär zur Verfügung zu stellen. Hierbei müssen sie als passiver Sexualpartner beim Analverkehr zu sehen sein, denn nur dieser gilt als „echter Schwuler“.
Die Situation von Lesben ist weniger von öffentlicher Gewalt als viel mehr von Konflikten innerhalb der Familie geprägt. Durch die Weigerung zur Heirat werden sie extremem familiärem Druck ausgesetzt. Teilweise kommt es sogar zu Ehrenmorden um die Familienehre wiederherzustellen. Eine Ansprechperson haben türkische Lesben fast nie. Auf der Polizeiwache oder anderen staatlichen Institutionen erleben sie ebensolche Diskriminierung und Unkenntnis wie in ihren eigenen Familien.
Allerdings kommt es langsam zu Fortschritten für Lesben und Schwule in der türkischen Gesellschaft. Der istanbuler CSD (Christoper-Street-Day) erfreut sich jährlich immer größerer Teilnehmendenzahlen und durch die Zusammenarbeit türkischer Homo-Gruppen mit internationalen Menschenrechtsgruppen wird die Problematik auch in der westlichen Welt zunehmend bekannter.
Wer mehr zu dem Thema wissen möchte, hier einige Internetverweise und Artikel zu der Thematik:
www.taz.de/1/leben/alltag/artikel/1/der-lange-weg-zur-toleranz/