America the beautiful?

25.08.2003: Benni Hammer beschreibt nach seinem USA-Aufenthalt die Lage in der Nation, und das nicht alles so richtig gut läuft.

Über 150 Nationen wanderten im Laufe der Jahre in die Vereinigten Staaten von Amerika ein. Vielfalt sollte hier also selbstverständlich sein. Oder? Ein Blick auf die Situation von Benjamin Hammer.

Anfang 2001 änderte sich noch gar nicht so viel. George W. Bush trat sein Amt an, dankte dem Supreme Court für ein freundliches Urteil und richtete sich im Weißen Haus ein. Dann kam der 11. September und vieles änderte sich. Ein geschockter Kongress schrieb haufenweise Blankoschecks und Bush begann seine Response on terrorism. Seitdem scheint US-Amerika alles andere als vielfältig und multikulturell zu sein. Wer in manch konservativem Dorf Bushs Kriege kritisiert und keine Stars and Stripes in seinem Vorgarten wehen lässt, gilt als Verräter und wird gemieden. Auch das ist Ergebnis einer simplem Medienbotschaft aus dem Weißen Haus: Wer nicht für uns ist, ist gegen uns. So schwenkten Patrioten denn auch fleißig Fahnen, als Bush den Bürgern mit dem Patriot Act und der Homeland Security Agency fundamentale Rechte entzog.

Knast statt Flugschule

Ein 23 jähriger Deutscher marokkanischer Abstammung wollte nach dem 11. September eine Flugschule in Florida besuchen. Dass er dafür ein Touristen-Visum ausfüllte, brachte ihn für 4 Wochen ins Gefängnis. Der Grund für die Inhaftierung wurde ihm nicht mitgeteilt und die deutsche Botschaft nicht benachrichtigt. Gleiche Behandlung aller scheint kein Interesse der US-Regierung. So nimmt man billigend hin, dass die Situation für Moslems immer schwieriger wird. Die Konsequenz ist traurig. Im Einwanderungsland USA gibt es Flüchtlinge. Ihr Ziel: Kanada. Nachdem die Regierung die Gesetze für Menschen aus "kritischen Staaten" verschärft hat, gibt es Nacht für Nacht Fluchtversuche an der Grenze. Wer sich illegal in den USA aufhält und aus Ländern wie Afghanistan oder Pakistan stammt, hat mit drastischen Strafen zu rechnen. Bilder von Gefangenenlagern auf Kuba sind gewollt. Ziel der US-Regierung scheint ein stereotypisches und einheitliches Amerika zu sein. Vielfalt, ein Fundamentalprinzip des Einwanderungslandes USA, ist out. Dabei ist es ja nicht das erste Mal, dass der Amerikanische Traum mit seiner Akzeptanz aller Nationalitäten und Gesinnungen zu einem Albtraum wird. Erst seit 1963 haben Afro-AmerikanerInnen zumindest auf dem Papier die gleichen Rechte wie Weiße. Im zweiten Weltkrieg wurden JapanerInnen in den USA interniert und wenig später ging McCarthy auf Kommunisten-Jagd.

"Zwei Amerikas"

Und doch hat Bush mit seinen Plänen nur bedingten Erfolg. Die Berichterstattung wird kritischer und vielseitiger. Medien und DemokratInnen erwachen aus ihrem Dornröschenschlaf. "Es gibt zwei Amerikas", sagt Brandon, 23-jähriger Student aus Washington. "Natürlich gibt es Gegenden, in denen man Bushs Kurs eine fanatische Unterstützung entgegenbringt. Aber an den Küsten und in großen Städten denken wir oft europäisch und viele von uns hoffen auf ein baldiges Ende der Bush-Regierung."

Die europäischen Medien berichteten meist eintönig über grenzenlose Zustimmung der US-Bevölkerung für ihre Regierung. Dabei gibt es vor allem an Ost- und Westküste viele Menschen, die sich für ihren Präsidenten schämen. So könnten die Küsten ein Rettungsanker sein, der verhindert, dass seine Pläne weiter realisiert werden.

New York City beklagte die meisten Todesopfer am 11. September. Und doch finden die Parolen des Präsidenten in einer Stadt mit einem Ausländeranteil von 50 % immer weniger Gehör. Proteste von NGOs und den Grünen (s. Interview) werden von der breiten Bevölkerung unterstützt. Über 200 Städte haben Gesuche an den Kongress geschickt, den Patriot Act zu revidieren. Amnesty International sendet Werbespots für Toleranz und Vielfältigkeit. Bushs Akzeptanz schwindet und der Ruck eines aufwachenden US-Amerikas könnte gewaltig werden. Unverhofften Beistand erhält die Bewegung vom erzkonservativen Supreme Court. Gesetze mancher Staaten, die gleichgeschlechtlichen Sex unter Strafe stellten, wurden für nichtig erklärt.

Totalitäre Überwachung

Vielfalt oder Einfalt in den USA? Eine klare Antwort gibt es hier nicht. Bush hat es schwerer mit seiner Strategie als zu Beginn seiner Amtszeit. Das Land scheint resensibilisiert und sieht Vieles kritischer. Und dennoch: Rassismus, Intoleranz und blinder Patriotismus prägen das Bild in vielen Gegenden. Der Patriot Act kontrolliert BürgerInnen, registriert, welche Bücher sie kaufen und liest ihre E-Mails. Ab nächstem Jahr kontrollieren die USA noch schärfer, wen sie ins Land lassen und das Hinterlassen von Fingerabdrücken wird obligatorisch. "2004 werden all diejenigen zur Wahl gehen, die sich 2000 betrogen fühlten", sagt Brandon. "Hoffentlich macht es Bush wie sein Vater und regiert nur eine Amtszeit".