Zivilgesellschaft auf dem WSIS in Genf
11.12.2003: Berichte vom Markus Beckedahl zum World Summit on Information Society der vom 10. - 12. Dezember 2003 in Genf stattfand.
Freitag, 12.12.2003 in Genf
Freitag war der letzte Tag des WSIS. Und Genf wurde zur Festung. Morgens auf dem Weg zum Palexpo-Gelände standen nicht nur überall in der Fussgängerzone gepanzerte Polizisten. Eine Gegendemo war für Mittags geplant. Während des Gipfels selbst gab es mit "We Seize" eine Art Gegengipfel ausserhalb des Palexpo. Für Dienstag und Mittwoch war eine sogenannte "Strategy Conference" geplant und ab Donnerstag sollte ein Polymedia-Lab Raum für die kreative Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologien bieten. Allerdings hatten die Organisatoren keine Erlaubnis für Übernachtungen in dem geplanten Gelände, so dass Mittwoch morgen der "Gegen-Gipfel" von der Polizeit aufgelöst wurde. Da die Stadt Genf sich Mühe gab, keinerlei schlechte Publicity zuzulassen, wurde schnell nach einer Ausweichmöglichkeit für all die jungen Menschen gesucht, die dort zusammen kamen. Und alle freuten sich, als plötzlich eine noch grössere Halle mit einer noch schnelleren Internetverbindung aus dem Hut gezaubert wurde. So kamen dann am Freitag Mittag nur etwa 50 Demonstranten, die erstmal sofort einkesselt und die Hälfte in Sicherheitsverwahrung gesteckt wurden. Immerhin waren 6000 Polizisten und 2000 Soldaten zur Sicherung des WSIS in und um Genf aus der ganzen Schweiz zusammen gezogen worden. Die Soldaten bewachten die Eingänge zum Palexpo und die ganzen Sicherheitsschleusen, durch die man laufend gehen musste. Dort wurden dann die Rucksäcke und Taschen gefilzt und jede Person musste den WSIS-Pass mit Foto drauf vor ein Sensorfeld halten. Freitags waren die Sicherheitsmassnahmen nochmal gesteigert worden, nachdem kreative Hacker am Donnerstag aus Spass die Sicherheitsmassnahmen gehackt hatten und das ganz veröffentlicht hatten. Die Soldaten waren fast alle ziemlich nett und anscheinend eher junge Wehrdienstleistende aus der deutschsprachigen Schweiz.
Auf dem Gelände selbst war Freitag der ruhigste Tag von allen. Viele Journalisten waren bereits abgereist und der Höhepunkt war eindeutig der Donnerstag. Dies machte sich auch bei den Veranstaltungen bemerkbar. Grösster Event der Zivilgesellschaft war das "Community Media Forum". Aus allen Kontinenten berichteten Aktivisten und NGOler vom Aufbau von Community-Projekten, seien es z.B. freie Radiosender oder die Vernetzung von Menschenrechtlern in totalitären Systemen mit Hilfe von verschlüsselten Kommunikationstechnologien. Leider hatte ich dafür auch nicht genug Zeit und schaute nur ab und an vorbei, um mir einzelne Vorträge anzuhören. Ansonsten gab es vereinzelte Pressehintergrundgespräche und sehr viel Networking. Immerhin war es der letzte Tag an dem alle NGOler noch in Genf waren. Mittags gab es noch das letzte Civil Society Plenary, was aber jeden Tag chaotisch verlief, weil uns immer kurz vorher erst durch die Organisatoren des Gipfels ein Raum zur Verfügung gestellt wurde und viele Menschen herumirrten, um nun "Room C" zu suchen. Das Gelände war nicht gerade klein. Auch wurde die Arbeit erschwert, indem keine Übersetzer zur Verfügung standen. Also musste alles, was gesagt wurde, von Beteiligten erstmal noch in Französisch und Spanisch übersetzt werden, was das ganze in die Länge zog und viel Frust verursachte. Währenddessen waren die PolitikerInnen (Wobei kaum Frauen sprachen...) auch am letzten Tag ihres Redenmarathons im Plenary-Rooms angelangt.Allerdings interessierte das kaum noch jemanden. Man muss sich das so vorstellen, dass fast drei Tage lang alle drei Minuten jemanden anderes sprechen darf. Allerdings findet nicht wirklich eine Debatte statt, sondern jede/r versucht, alle notwendigen Buzzwörter in seiner/ihrer Rede unter zu bringen. Also sprechen alle von "Humanity" und "Bridging the digital gab" (Überwindung der digitalen Spaltung) und je nachdem auch von "Human Rights". Dann ist die Zeit um, die nächste Person kommt auf die Bühne und nur ab und an gibt es ein wenig Abwechslung. Etwas Schwung in die ganze Sache kam noch, als der Präsident von Senegal sprach. Im ganzen WSIS-Prozess ging es um Konzepte zur Überwindung der digitalen Spaltung und der globale Süden wollte einen "Digital Solidarity Fund" haben, indem die Industrie und der globale Norden einzahlen. Gegen Ende des Prozesses war von dem Fund nur noch die Idee eines "freiwilligen Spendenkontos" die Rede (passend zur Weihnachtszeit), aber die EU wehrte sich bis zuletzt und setzte sich mit der Idee durch, erstmal eine Arbeitsgruppe zur Effizienz von solchen Fonds einzurichten. Doch Senegal und die Stadt Genf richteten dann einfach das "freiwillige Spendenkonto" ein, gaben beide 500.000 Dollar und somat wurde dann doch noch der "Digital Solidarity Fund" der Weltöffentlichkeit präsentiert, als schon niemand mehr damit rechnete. Dies war aber auch die einzige Überraschung in einem dreitägigen Redemarathon. Nachmittags gab es noch die Pressekonferenz des Human Rights Caucus der Zivilgesellschaft und hier gab es tatsächlich einiges an Medieninteresse. Aber auch hier konnte ich als Beteiligter nicht an der Pressekonferenz teilnehmen, da wieder nur die Sprecher zu gelassen worden. Aber so konnte ich an einigen Arbeitstreffen teilnehmen, da viele Caucuse (Thematische Arbeitsgruppen der Zivilgesellschaft) die letzte Möglichkeit nutzten, Face2Face Treffen zu veranstalten, bevor sich wieder alle auf die fünf Kontinente verteilten. Gegen 18h wurde dann schon abgebaut, während die PolitikerInnen im Plenum sich selbst und ihre Gipfelerklärung feierten. Da sassen wir aber schon im einem deutschen WSIS-Koordinierungstreffen zuammen und evaluierten den Gipfel. Alle waren sich einig, dass die Infrastruktur und die Arbeitsbedingungen der Zivilgesellschaft eine ziemlich Katastrophe war. Die Vorbereitungskonferenzen wurden zurück gesehnt, wo es tatsächlich für alle Internet und auch andere Infrastrukturen wie Kopierer, genug Versammlungsräume, Übersetzer, etc, gab. Immerhin nutzen die NGOs die Neuen Medien sehr stark zur Vernetzung und zur Koordination ihrer Arbeit und die Nutzung war auf dem Gipfel ausser an unserer kleinen freien "Internetinsel" rund um unser Civil Society Office nur extrem eingeschränkt möglich. Abends gabs noch ein gemeinsames Kochen in dem angemieteten grossen Ferienhaus von APC (The Association of Progressive Communications), einem weltumspannenden NGO-Netzwerk. Das Netzwerk Neue Medien wird kommendes Jahr auch Mitglied und wir freuen uns auf Partnerorganisationen in den meisten Teilen der Erde. Später ging es dann kolletiv wieder zum "Gegengipfel", da dies die einzige Möglichkeit war, noch ein freies Internet zu nutzen. Der Gegengipfel erinnerte mich an ein kleines Hackcenter auf einem Chaos Computer Club Kongress, viele Computer, eine spacige und sehr kreative Athmosphäre, selbsterstellte Aktivisten-Videos liefen von Beamern an Leinwände projeziert und es wurde gute Musik gespielt. Süsslicher Duft erfüllte den Raum und alle waren sehr relaxed, aber auch erschöpft. Ein schönes Ende für eine stressige Woche in Genf.
Donnerstag, 11.12., Genf
Heute war den ganzen Tag Pressearbeit angesagt. Um 12h organisierten wir als WSIS-Koordinierungskreis eine Pressekonferenz mit den deutschsprachigen Journalisten hier auf dem Gipfel. Überraschenderweise hatten wir auf einmal Tagesschau, Deutschlandfunk, Spiegel und andere Medien hier und kommunizierten unsere Positionen als Zivilgesellschaft. Später interviewte mich noch die Tagesschau mit der Kamera und nun müssen wir mal schauen, was sie Freitag zusammen geschnitten senden werden und ob sie überhaupt über den WSIS berichten. Im Moment laufen viele gute Veranstaltungen, aber ich sitze immer noch in unserem Büro, wo es wenigstens freies Internet und Sofas gibt. Das gute an dem Büro ist auch noch die zentrale Lage, nebenan ist das Mediacenter und auf der anderen Seite kann man direkt ins Plenum laufen und den Runden Tischen lauschen. Diese werden nach dem Multistakeholderprinzip organisiert, dort sitzen also ausgewählte Vertreter der Regierungen, Wirtschaft und der Zivilgesellschaft zusammen auf dem Podium und diskutieren themenbezogen z.B. über Internet-Governance (Internet-Verwaltung). Gerade läuft die Pressekonferenz der globalen Zivilgesellschaft zu unserer Alternativen Gipfelerklärung, aber es wurden von uns nur vier Vertreter ins Mediacenter reingelassen und das waren dann die Sprecher. War also wieder unnötige Zeitverschwendung, da wir im Vorfeld die Zusage bekamen, daran teilnehmen zu können, dann aber am Eingang abgewiesen wurden. Sehr überrascht hat es uns letztlich nicht, als Zivilgesellschaft ist man hier eben sehr unterprivilegiert und das spürt man ständig.
Um 17h wurde in unsere "Alternative Declaration" der Öffentlichkeit vorgestellt. Dies war mit die beste Veranstaltung, die ich hier besuchte, zu vielen komme ich leider zeitlich nicht hin. Von allen fünf Kontinenten saßen NGO-Vertreter auf dem Podium und stellten unsere Visionen vor. Am besten brachte unsere Herangehensweise beim WSIS Alan von einer philippinischen NGO auf dem Punkt: "Wir werden nicht gehen, weil der Gipfel diejenigen Stimmen hören muss, die Regierungen und Unternehmen nicht hören wollen!" Zum Schluss feierten wir uns selber, indem alle aufstanden und wir uns gegenseitig beklatschten, weil eine Vielzahl von Personen in den letzten Jahren weltweit an der Entwicklung unserer Visionen mitgearbeitet haben. Damit war auch der meiste Stress beendet, denn wir hatten es tatsächlich geschafft, uns innerhalb von drei Wochen auf einen gemeinsamen Text von 18 Seiten zu einigen. Dieser soll nun als Diskussionsgrundlage für die nächsten zwei Jahre dienen, bis dann im November 2005 in Tunis der nächste WSIS stattfindet. Später fand dann die Verleihung eines ICT4dev-Awards statt, die an innovative und progressive Projekte rund um Informationstechnologien in Entwicklungsländern vergeben wurden. Am meisten räumten dabei die Gendergruppen ab. Diese gehören auch zu den aktivsten in der ganzen Zivilgesellschaft und widerlegen das Vorurteil, dass sich nur Männer für IT interessieren. Dazwischen musste ich nochmal zum Deutschen Stand, wo ein kurzfristig einberaumtes Treffen des WSIS-Koordinierungskreis stattfand. Insgesamt sind hier über 25 von uns in Genf und es ist ganz schön schwierig, die meisten zusammen zu einem Treffen zu bekommen. Heute läuft ja auch noch das "World Forum on Communications Rights", der sogannte Alternativgipfel. Seit zwei Jahren gibt es die globale CRIS-Kampagne. Cris steht für "Communication Rights in the Information Society" und viele NGO´s unterstützen diese. Seit zwei Jahren freue ich mich auf diesen Event, der von Seiten der Zivilgesellschaft der Höhepunkt hier auf dem Gipfel ist, aber leider finde ich heute keine Zeit, aktiv mir die Diskussionen anzuschauen. Dafür lasse ich mich ständig ausführlich berichten, was gerade passiert.
Mittwoch, 10.12., Genf, Teil 2
Gegen 14h ist mit einer Opening Ceremony der WSIS offiziell gestartet worden. Über die grosse Nachfrage zu den sogenannten "Overpasses", die Eintrittskarten zu dieser privilegierten Veranstaltung hatte ich schon berichtet. Auf jeden Fall hatte ich Glück, dass ich gleich zwei in die Hand gedrückt bekam und so konnte ich noch einen Freund mitnehmen. Zum ersten Mal sah ich Kofi Annan live und seine Rede war trotz seiner Heiserkeit spannend. Was man von den anderen "Sonntags"-Reden nicht wirklich sagen konnte. Bei der Rede des Präsidenten der ITU (International Telecommunication Union), die Gastgeberorganisation des WSIS, schlief ich beinahe ein, wurde danach aber von Kikki Nordström geweckt, die stellvertretend für die Zivilgesellschaft eine Rede hielt. Diese war sehr beeindruckend, weil Kikki blind ist und als Vertreterin der World Blind Union sprach. Sie las dabei ihre Rede von Zetteln mit Brailschrift ab und sprach davon, wie Behinderte von der derzeit existierenden Informationsgesellschaft weitgehend ausgeschlossen werden.
Danach gab´s wieder Pressearbeit und ich führte ein langes Hintergrundgespräch mit einem Journalisten von den Stuttgarter Nachrichten. Um 17h war es dann endlich soweit, und einer der von uns mitorganisierten Veranstaltungen begann: "Free Software - Free Society. Dieser wurde von der PCT (Patents, Copyrights & Trademarks) - Arbeitsgruppe der Zivilgesellschaft organisiert und wir hatten Glück, dass wir mit Lawrence Lessig und Richard Stallmann zwei der beeindruckensten Redner weltweit für uns gewonnen konnten. Richard Stallman ist der Gründer der Free Software Foundation und auch der Gründer der Freie Software Bewegung. Lawrence Lessig ist Jura-Professor an der Stanford University, hat zwei sehr gute Bücher geschrieben ("The Code is Law") und das Creative-Commons-Projekt gestartet (www.creativecommons.org). Dieses Projekt entwickelt neue Wege, wie mit Copyright und Patenten zum Wohle der Gesellschaft und zur Förderung von Kreativität umgegangen werden kann. Über Software hinaus. Er präsentierte eine neue Lizenz, die am Montag in Brasilien veröffentlicht werden soll, und die Musikern die Möglichkeit gibt, Samples ihrer Musik in die Public Domain zu übertragen. D.h. Jeder kann sie benutzen und mit Hilfe dieser Samples neue Musik schaffen. Brasilien ist das erste Land, weil sie mit Gilberto Gil einen sehr progressiven Kulturminister haben, der ein berühmter Musiker ist. Spannend waren auch noch verschiedene Vertreter der brasilianischen Regierungsdelegation, die darüber berichteten, wie Brasilien jetzt fast komplettihre Infrastruktur auf Freie Software (Linux, etc.) umstellt. Sie gaben Beispiele, dass alleine die Lizenzkosten, die die brasilianische Volkswirtschaft jedes Jahr an Microsoft in den USA für Software bezahlen, mehr Geld ist, als das Land für Bildung zur Verfügung hat. Dies drehen sie nun um und können mit dem gesparten Geld mehr in Bildung und IT-Infrastrukturen stecken. Denn nur 8% der Einwohner haben überhaupt die Möglichkeit, Computer zu nutzen.
Nun ist also gleich der Abend erreicht und ich wurde von einer globalen NGO zum Essen eingeladen. Das wird lustig und spannend werden, denn dort werden NGOler aus allen Kontinenten zusammen kommen.Wir hatten das Erlebnis schon ein paar Mal während der Vorbereitungskonferenzen und es ist etwas anderes, wenn man abends beim Bier mit einander redet, als in dieser Konferenzatmosphäre. Vor allem ist der Nord-Süd Dialog spannend, da wir die Informationsgesellschaft in Deutschland meist sehr nördlich geprägt diskutieren und die Situation im globalen Süden eine ganz andere ist.
Mittwoch, 10. Dezember, Genf
Heute hat der Gipfel begonnen. Menschenmassen strömen durch die Hallen und im Moment ist alles ziemlich stressig. Das grösste Problem ist die Internetversorgung, es gibt zwar ein Cybercafe, aber über die 120 Computer komme ich z.B. nicht an meine Mails, weil verschlüsselte Verbindungen zu Internetseiten (SSL) ausgeschaltet sind. Dank eines dänischen Entwicklungshilfeprojekt kommen wir in der ICT4DEV-Halle über Wireless ins Netz. Rund um die Civil Society Bueros bauen wir gerade ein freies Netzwerk auf, damit alle Besucher drum herum ohne Probleme ins Internet bekommen.
Die Regierungen haben sich gestern Mittag auf eine gemeinsame Erklärung geeinigt. Alle strittigen Fragen, wie Finanzierung oder die Internetkontrolle wurden in Arbeitsgruppen ausgelagert. Dies ist insofern erfreulich, dass keine schlimmen Entscheidungen getroffen werden und diese Arbeitsgruppen nun nach dem Multistakeholder-Prinzip besetzt werden. Also werden dort auch Experten drin sitzen, die wissen, worüber sie reden, was man von den meisten Diplomaten und Regierungsvertretern nicht gerade sagen kann. Problematisch ist die nicht vorhandene Balance zwischen Sicherheitsinteressen und Bürgerrechten. Ein Recht auf Privatsphäre taucht nirgends auf, stattdessen wird eine "Culture of Cybersecurity" als Vision angesehen, was im derzeitigen "War on Terrorism" natürlich das schlimmste befürchten lässt, was Überwachung, etc. bdeutet. Der Gipfel ist also eigentlich vorbei, normalerweise werden bei Weltgipfeln viele strittigen Fragen bis zum letzten Tag noch ausdiskutiert, nun gibt es hier nur noch einen riesigen Event mit 300 Veranstaltungen, vielen Treffen und Sonntagsreden von über 50 Staatschefs. Überlege mir, ob ich mir zum Spass mal Fidel Castro morgen anschauen sollte, was er denn zur Informationsgesellschaft zu sagen hat.
Gestern waren wir noch als NGO-Vertreter in die deutsche ständige Vertretung eingeladen und der UN-Botschafter von Deutschland, Michael Steiner, analysierte für uns eine Stunde lang die globale Situation und wollte uns das ganze als Erfolg verkaufen. Wir sind da natürlich sehr kritisch, sehen es aber als positiv an, dass die Europäer sich in vielen Fragen durchgesetzt haben. Es ist also nicht ganz so schlimm gekommen, wie wir alle befürchtet haben, viel Lob bekommen die Regierungen aber trotzdem nicht von uns und wir werden morgen unsere eigene Zivilgesellschafts-Vision der Weltöffentlichkeit präsentieren.
Morgen wird auch Rezzo Schlauch als Repräsentatnt der Bundesregierung nach Genf fliegen und im Plenum eine kurze Rede halten. Ursprünglich war Gerhard Schröder angedacht, oder wenigstens Wolfang Clement, aber beide müssen ja im Moment mit der Opposition im Vermittlungsausschuss ihre Agenda2010 verhandeln und haben deswegen keine Zeit. Wir sind gespannt, was Rezzo uns erzählen wird. Später gibt's mehr, im Moment werden wir umlagert von einem Haufen Menschen, die uns in allen möglichen Sprachen komische Fragen stellen und ich komme mir vor, als stände Infodesk auf meinem Kopf geschrieben. Haben schon verschiedene Schilder an unsere "Kabinen"-Tür gehangen, dass hier kein Infodesk ist, aber alles ist Chaos. Keiner weiss, wo Treffen stattfinden und es gibt noch nicht einmal Übersichtpläne, sondern er werden ständig Treffen ausgehangen, wo dann nur "Raum Agora" draufsteht, ohne Hinweis, wo dieser ist. Hoffe, diese Situation entspannt sich in den nächsten Stunden.
Dienstag, 9. Dezember in Genf
Heute fängt als Teil des offiziellen WSIS-Gipfels die ICT4DEV Messe an. Die Abkürzung steht für "Informations- und Kommunikationstechnologien für Entwicklung" und hier präsentieren sich die einzelnen Staaten, Firmen und Entwicklungshilfeprojekte. Das ganze findet in Halle 4 des Palexpo-Geländes statt, was ein riesiges Konferenz- und Messezentrum direkt am Genfer Flughafen ist.
Der deutsche WSIS-Koordinierungskreis hat freundlicherweise von der Firma Siemens einen kleinen Teil des deutschen Standes bekommen. Hier präsentieren sich ausser uns noch Siemens, die Detecon (Ableger der Telekom), Media@Komm, Inwent und die GTZ (Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit). Allerdings ist am ersten Tag das Interesse an der Messe eher schwach und so müssen die armen Standbetreuer sich irgendwie mit sich selbst beschäftigen. Der eigentliche Gipfel startet erst morgen. Seit Sonntag gibt es aber schon verschiedenste Veranstaltungen zu allen möglichen Themen in Genf. Über 300 Veranstaltungen finden nun bis zum kommenden Samstag statt. Währenddessen sitzen die Regierungen und Diplomaten im Palais der Vereinten Nationen und verhandeln die letzten Punkte der Gipfelerklärung. Ursprünglich wurden 3 grosse globale Vorbereitungskonferenzen geplant, die aber zu keinerlei Einigung führten. So müssen die Regierungen nun schon zum zweiten Mal "nachsitzen". Samstag Nacht wurden die Verhandlungen abgebrochen, nachdem keine Einigung für die Finanzierung der Verringerung der globalen digitalen Spaltung gefunden wurde. Die Länder des globalen Südes wünschen sich einen Digital Solidarity Funds ("Digitaler Solidaritäts Fonds"), in dem die Regierungen des Nordens und die Industrie einzahlen und damit sollen dann Entwicklungshilfeprojekte im Süden finanziert werden. Bei den Menschenrechten wurde eine Einigung erzielt, und zwar gibt es einen Verweis auf die UN-Charta der Menschenrechte, die mittlerweile über 55 Jahre alt ist. Diese soll weiterhin in der Informationsgesellschaft gelten. Dies ist der internationalen Zivilgesellschaft (In der die ganzen NGO´s und Organisationen organisiert sind) nicht genug. Sie fordern eine Neuinterpretation und Ausweitung der Menschenrechte in der Informationsgesellschaft.
Nun warten wir alle gespannt auf Berichte unserer Vertreter in den nationalen Regierungsdelegationen, die gerade im Palais sind. In vielen progressiven Ländern dürfen Vertreter der Zivilgesellschaft als Teil der Regierungsdelegationen an den Verhandlungen teilnehmen. Am Freitag habe ich als Beobachter beim ersten Teil der Verhandlungen teilgenommen. Allerdings wurden wir nach der Mittagspause als Beobachter von Sicherheitsbeamten der UN aus dem Saal rausgeschmissen. Die Entscheidung, dass die Verhandlungen hinter verschlossenen Türen stattfinden, wurde sehr intransparent getroffen. Ursprünglich war mal für diesen Gipfel ein Multistakeholder-Ansatz versprochen. Stakeholder sind Interessenvertreter, und in diesem Fall sollten zusätzlich zu den Regierungen die Zivilgesellschaft, die Privatwirtschaft und internationale Organisationen (wie z.B. die Unesco) als Beobachter eingebunden werden. Dieser Prozess ist halbherzig vollzogen worden und je näher der Gipfel rückte, desto weniger Beteiligungsmöglichkeiten gab es.
Die Zivilgesellschaft hat am gestrigen Morgen eine gemeinsame Alternative Gipfelerklärung in einem "Civil Society Plenary Meeting" beschlossen. Diese Meetings finden jeden Tag statt und sind offen für alle NGO-Vertreter. Am Wochenende wurde in den Keller-Räumen der ITU (International Telecommunication Union, eine UN-Organisation, die für die UN den Gipfel organisiert), dem sogenannten "Cybercafe" die alternative Gipfelerklärung fertiggestellt. Vorausgegangen war ein fast zweijähriger Diskussionsprozess innerhalb der globalen Zivilgesellschaft, der während der Vorbereitungskonferenzen offline und ansonsten komplett online gelaufen ist. Fast allen war klar, dass die Regierungen nicht im Stande sein werden, das selbstgesteckte Ziel des WSIS zu erreichen: Nämlich eine gemeinsame globale Vision für eine Informationsgesellschaft zu entwickeln. Diese wird nun die Zivilgesellschaft am Donnerstag der Weltöffentlichkeit präsentieren.
Markus Beckedahl ist im Zivilgesellschaftlichen WSIS-Koordinierungskreis
www.wsis-koordinierungskreis.de
Linktipps:
Netzwerk Neue Medien: www.nnm-ev.de
Viele Informationen: www.worldsummit2003.de
Pressespiegel: www.wsis-koordinierungskreis.de
Weblog in Deutsch und Englisch: wsis.infopeace.de