Freiheit durch Beckett

24.09.2008: Im Jahr 2006 zeigte der Kultursender arte anlässlich des Beckett-Jahres (es war sein hundertster Geburtstag) einige Dokumentationen über den Erfinder des absurden Theaters. Eine davon durfte SPUNK-Redakteurin Juliane Seibert sehen.

Im Jahr 1986 bekam ein schwedischer Theaterregisseur einen ungewöhnlichen Anruf: Der Direktor eines Hochsicherheitsgefängnisses bat ihn darum, mit den Gefängnisinsassen Theater zu spielen. Der Regisseur nahm das Angebot an und fuhr in das Gefängnis, um die Insassen erst einmal kennen zu lernen. Bei einem zweiten Besuch schlug er ihnen vor, das Stück "Warten auf Godot" von Samuel Beckett zu spielen.

Fortan fuhr er also regelmäßig in den Knast, um mit den Häftlingen zu proben. Nachdem eine öffentliche Aufführung derart gute Kritiken erhielt, sollte die Gruppe auf eine Schweden-Tour geschickt werden und die Behörden willigten ein. Doch es kam, wie es so kommen musste: Alle fünf beteiligten Häftlinge gingen auf der Tour "verloren". Sie alle wurden zwanzig Jahre später für besagte Dokumentation wieder interviewt. Zudem wird gezeigt, dass auch Beckett von dem unkonventionellen Knasttheaterprojekt erfahren und mit großem Gefallen daran den Kontakt zum Regisseur gesucht hatte. Überraschend ist das nicht, schließlich hat Samuel Beckett selbst mehrere Jahre gegenüber eines Gefängnisses gewohnt und sich intensiv mit Gefangenschaft auseinandergesetzt.

Dies ist vermutlich der Grund für die zahlreichen Beckett-Projekte auch in Deutschland, von denen eines sogar verfilmt wurde ("Mit Beckett im Knast"). Auffällig ist dabei, dass die Theaterstücke von Beckett, die in Gefängnissen gespielt werden - "Endspiel" und "Warten auf Godot" - jeweils Figuren zeigen, die auf eine gewisse Art und Weise eingeschlossen sind. So beinhalten die benannten Stücke zahlreiche blinde, verkrüppelte und sonst irgendwie benachteiligte oder bevormundende Personen. Sie alle befinden sich in einem durch ihre körperliche oder geistige Unfähigkeit symbolisierten Gefängnis. Insbesondere wenn es um das Thema Gefangenschaft geht, ist Samuel Beckett also sehr zu empfehlen.

jule seibert ist spunk-redakteurin und liest gerne
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