Linux in der BGS - warum überhaupt?
28.09.2004: Linux bei der GRÜNEN JUGEND. Hier die Langfassung des SPUNK-Interviews mit dem Koordinator des FaFo Medien, Markus Beckedahl.
SPUNK: Warum war es denn überhaupt nötig, den Schritt "weg von Windows" zu machen?
Markus Beckedahl: Die Grüne Jugend fordert jetzt schon seit einigen Jahren den verstärkten Einsatz von Freier Software, auch Open Source genannt. Sehr viele Mitglieder verwenden schon Linux oder zumindest Freie Software unter Windows. So war es nur konsequent, dass die Bundesgeschäftsstelle nun den Schritt vollzogen hat und komplett auf Linux migriert ist. Einer der Gründe war die höhere Sicherheit, immerhin gibt es eine Menge sensibler Daten, die sicher aufbewahrt werden wollen. Auch surfen fühlt sich nun viel sicherer an. Der Aspekt der Nachhaltigkeit spielte dazu eine Rolle, nun können wir sicher sein, dass die angelegten Daten auch noch in mehr als 10 Jahren lesbar sind. Und natürlich die Unabhängigkeit von Lizenzkosten und einem einzigen Hersteller. Die Umstellung ist dabei problemlos verlaufen, die Mitarbeiter spürten schnell keinen Unterschied mehr und finden Linux mittlerweile spannender und interessanter.
SPUNK: Was unterscheidet Freie Software von der so genannten "proprietären Software"?
Markus Beckedahl: Bei Freier Software spielt eben die Freiheit eine grosse Rolle. Die Lizenzen Freier Software bieten Freiheiten, die Proprietäre Software nicht bietet, wie z.B. das Recht, Programme zu verändern, zu studieren und hinterfragen oder zu ergänzen. Heraus kommt das nachhaltigere, offenere und innovativere Produktionsmodell, an dem sich theoretisch jeder beteiligen kann. Projekte wie Linux, OpenOffice oder Mozilla zeigen, dass es funktioniert und eine mehr als ernstzunehmende Konkurrenz für Microsoft farstellen. Bei Proprietärer Software kauft man nur ein Nutzungsrecht, man hat aber sonst keinerlei Rechte und darf noch nicht einmal nachschauen, wie die Software funktioniert. Lizenzkosten für die Nutzung von Software gehören mit Freier Software der Vergangenheit an - bezahlt wird nur noch die individuelle Dienstleistungen der Anpassung, des Supports oder Beratung.
SPUNK: Was bietet Freie Software ganz konkret für Vorteile?
Markus Beckedahl: Man löst sich aus der Abhängigkeit eines Herstellers, was den Wettbewerb stärkt. Durch die Offenlegung des Quellcodes können schneller Sicherheitslücken gefunden und beseitigt werden. Man kann auch Freie Software individuell an die eigenen Bedürfnisse anpassen (lassen). Und Freie Software fördert und verwendet Offene Standards. Proprietäre Standards dagegen führen zu Monopolbildungen und behindern Innovationen. Darüber hinaus besteht bei staatlichen Infrastrukturmonopolen wie bei privatwirtschaftlichen Technikmonopolen die Gefahr, dass die Macht zur Standardsetzung auch inhaltliche Einschränkungen der Informations- und Kommunikationsfreiheiten vieler Menschen nach sich zieht. Dagegen sind offene technische Standards unverzichtbare Bedingung für die Förderung freier und offener Softwareentwicklung und für selbstbestimmte Kommunikation.
SPUNK: Was fordert die Grüne Jugend - insbesondere im Rahmen der copy4freedom-Kampagne - im Kampagnenschwerpunkt "Freie Software"?
Markus Beckedahl: Die GRÜNE JUGEND fordert, dass an allen Schulen und Universitäten Alternativen zum Monopol gelehrt werden, damit die Medienkompetenz gerade unter jungen Menschen gestärkt wird. So können auch Lizenzkosten gespart werden, die woanders im Bildungssystem dringend gebraucht werden.
IT-Infrastrukturen müssen offen, transparent und demokratisch hinterfragbar sein. So wird Wettbewerb, mehr Innovation und eine nachhaltige Förderung des europäischen IT-Standortes gewährleistet. Ziel ist es, Monopolstrukturen zu vermeiden, Software sicherer zu machen, und mehr Wahlfreiheit der VerbraucherInnen sowie stärkere BürgerInnenrechte zu erreichen. Und das klappt mit Freier Software. Die GRÜNE JUGEND tritt deshalb entschieden gegen die innovationsschädliche europäische Richtlinie zur Softwarepatentierung ein.
Die GRÜNE JUGEND fordert, dass öffentlich finanzierte Softwareprojekte selbstverständlich unter Freie Lizenzen gestellt werden müssen. Das Ausschreibungswesen der Öffentlichen Verwaltung muss dahingehend geändert werden, dass Freie Software bei Ausschreibungen automatisch bevorzugt wird, denn der Staat muss ein Interesse daran haben, demokratische Software zu nutzen. Dass alle die Möglichkeit zur Teilhabe an der Weiterentwicklung Freier Software haben, bietet riesige Chancen für die nachhaltige Schaffung von verlässlichen und offenen e-government-Infrastrukturen.
SPUNK: Ist es denn überhaupt noch zu vertreten, dass öffentlich finanzierte Einrichtungen wie Schulen, Hochschulen und Verwaltungen proprietäre Software nutzen?
Markus Beckedahl: Wir sehen die ganzen Public-Privat Partnership Programme unseres Bildungsministeriums in Zusammenarbeit mit Microsoft sehr kritisch. Microsoft finanziert Programme für Kindergärten, Schulen, Jugendzentren und Lehrerfortbildung. Natürlich alles nur mit Microsoft-Software, Alternativen werden nicht unterrichtet. Microsoft hält das Monopol mit gut 90% Marktanteil, was einfach zuviel ist für eine Demokratie, dafür haben IT-Infrastrukturen einen zu grossen Einfluss auf unser Leben und unsere Gesellschaft. Deshalb fordern wir, dass in den Schulen und Hochschulen Alternativen zum Monopol unterrichtet werden, damit wir dem Ziel von Softwarevielfalt näher kommen. Ähnlich wie die Artenvielfalt im Ökosystem ist Softwarevielfalt für das Internet und IT-Infrastrukturen eine entscheidene Sache. Man schaue sich nur mal die Virenepidemien an, die einzelne Sicherheitslücken bei Outlook ausnützen und gleich Millionen Rechner in kürzester Zeit infizieren. Die Verwaltungen sind hier schon etwas weiter. Gerade das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnologie und das Bundesinnenministerium sind sich dieser Demokratietheoretischen Fragen sehr bewusst und fördern Freie Software.
SPUNK: Ist die Grüne Jugend auch bei der Kampagnen-Konzeption und der Durchführung neue Wege gegangen?
Markus Beckedahl: Wir haben bei copy4freedom konsequent und kreativ das Internet eingesetzt. Was anderes blieb uns mit dem kleinen Budget auch nicht möglich. Weblogs, Wikis, unser CMS und die ganzen Serveranwendungen - alles lief problemlos unter Freier Software und ermöglichte uns das kooperative Arbeiten - vernetzt übers Netz. Unserer selbstbootenden copy4freedom-Linux-CD, zum unkomplizierten ausprobieren von Linux auf jedem Rechner, haben wir auch erfolgreich über Filesharing-Systeme verteilt.
SPUNK: Wie wird es mit der Kampagne weitergehen?
Markus Beckedahl:Das zweite Thema der copy4freedom-Kampagne ist ja das Urheberrecht und gerade hier wird das kommende Jahr sehr spannend, da der sogenannte "2. Korb der Urheberrechtsreform" gestartet wurde. Hier fordert die Grüne Jugend ein durchsetzungsstarkes Recht auf eine digitale Privatkopie und die Legalisierung von Filesharing durch die Einführung einer Musik- und Filmflatrate. Wir nennen es auch "Faires Filesharing". Letzteres machen wir übrigens mittlerweile in einem Bündnis, welches von Attac bis zum Chaos Computer Club reicht.
Markus Beckedahl, 27, ist langjähriger Koordinator des Fachforum Medien der Grünen Jugend und hat in der Zeit entschieden die Neue Medien Programmatik der Grünen Jugend entwickelt. Er lebt und arbeitet als Geschäftsführer von newthinking communications in Berlin und ist Vorsitzender des Netzwerk Neue Medien.