Gedanken, Gefühle und Geschehen - Katja Husen auf der BDK von Bündnis 90/ Die Grünen

15.12.2002: Die 21. Bundesdelegiertenkonferenz (BDK) in Hannover wird Katja so schnell nicht mehr vergessen, denn dort wurde sie am 8. Dezember 2002 in den Bundesvorstand von Bündnis 90/ Die Grünen gewählt.

Katja Husen ist 25 Jahre alt und lebt in Hamburg. Sie wurde in Istanbul geboren, verbrachte ihre Schulzeit in Kiel und war für ein Jahr zum Schüleraustausch in den USA. Ihr Biologiestudium in Braunschweig und Amsterdam beendete sie 2001 und arbeitete anschließend als Doktorandin in Hamburg.

Das parteipolitische Leben von Katja Husen begann 1998 im Kreisvorstand Braunschweig von Bündnis 90/ Die Grünen. Im selben Jahr wurde sie Bundesvorstandssprecherin der GRÜNEN JUGEND, bis sie im Jahr 2000 dieses Amt aufgab. Seit 2001 ist sie Mitglied des Hamburger Landesvorstand von Bündnis 90/ Die Grünen. Seit dem 8. Dezember 2002 ist sie nun Beisitzerin im Bundesvorstand von Bündnis 90/ Die Grünen und Frauenpolitische Sprecherin der Partei.

Freitag der 6. Dezember 2002

Katja ist im Präsidium des Bundesfrauenrates tätig, der sich an diesem regnerischen Nikolaustag im Vorfeld der BDK trifft. Bevor Katja am Abend zu einem internen Treffen geht, telefonieren wir kurz und verabreden uns für den nächsten Tag. Wir sind gespannt, was in den kommenden 48 Stunden alles auf sie zu kommen wird. Ich spürte ihre Aufregung.

Samstag der 7. Dezember 2002

Die BDK beginnt um 14 Uhr und Katja ist schon etwas früher in der Halle und unterhält sich mit Freunden. Wir treffen uns das erste Mal und sprechen kurz über das weitere Vorgehen. Zu ihrer Stimmung sagt sie nur, " ich bin aufgeregt". Die meiste Zeit verbringt sie an diesem Tag mit kurzen Gesprächen, in denen ihr von vielen Delegierten und FreundInnen Mut und Zuversicht zugesprochen wird. Die Situation auf dem Parteitag ist heikel und bereits die Verabschiedung der Tagesordnung führt zu einer großen Kontroverse. Am Ende wird die Tagesordnung mit weniger als 60% angenommen und alle spüren, dass ein langer Tag und diskussionsreicher Tag bevorsteht. Am Ende des Tages könnten einige Entscheidungen ähnlich kontrovers ausgehen und Überraschungen bereit halten.

Katja spielt im Kopf einige Szenarien durch, nachdem das Gerücht, dass Angelika Beer als Bundesvorsitzende kandidieren möchte, am Nachmittag immer lauter wird. Bisher war die Schleswig-Holsteinerin Beer die einzige Konkurrentin gegen Katja in der Bewerbung um den Posten der weiblichen Beisitzer im Bundesvorstand und mit deren Kandidatur für den Vorsitz entsteht eine neue Situation für Katja.

In immer wieder stattfindenden Treffen sprechen Katja und ich über ihre Stimmungslage. Sie spricht offen ihre Anspannung an und hofft, dass sie ihre Rede am Sonntag nicht vermasseln wird. Sie wirkt etwas pessimistisch, obwohl doch alle Zeichen für sie sprechen. Die Unterstützung, die sie aus vielen Kreisverbänden erfährt, macht ihr Mut.

Als sich im Laufe des Tages die Debatten über Formalien, die Regierungsaussprache und die Wahlgänge in die Länge ziehen, wird auch ihre Stimmung etwas genervt. "Es ist doch alles unsinnig", beschreibt sie die Debatte über die Trennung von Amt und Mandat. Je später der Abend, desto mehr wird eine allgemeine Unzufriedenheit deutlich und die Stimmung im Saal und auch von Katja verschlechtert sich. Viele spüren, dass die Entscheidung über die Trennung von Amt und Mandat oder über mögliche Übergangsreglungen knapp ausgehen könnte.

Um 1 Uhr Nachts wird das Ergebnis über die Abstimmung zur Übergangslösung verlesen. Katja sitzt ruhig auf einem Tisch am Ende der Halle. Als das Ergebnis verlesen wird, spüre ich, wie sie selbst die Zahlen ins Verhältnis setzt. Mit der Entscheidung steht nun fest, dass Claudia Roth und Fritz Kuhn bis zum Ergebnis der Urabstimmung nicht kandidieren können. Das Quorum von einer Zweidrittel Mehrheit wird um 8 Stimmen verfehlt und Katja ist erst geschockt und anschließend sauer. "Wem hilft das jetzt?" fragt sie ratlos in die Runde. Der Kreis der Befürworter von Trennung von Amt und Mandat ist im Gegensatz zur BDK in Bremen geschrumpft. Katja befürchtet, dass Wut und Unmut der 65% der Delegierten, die für eine Übergangsfrist gestimmt haben jetzt groß ist. Von Spaltung oder Frontenbildung möchte sie allerdings nicht sprechen, denn sie sieht eine wichtige Aufgabe in der Integration aller Delegierten.

Es wird immer offensichtlicher, dass Angelika Beer morgen als Bundesvorsitzende kandidieren wird. Für die Bewerbung von Katja ist dies natürlich positiv, doch sie sagt selbst, dass dieses Ergebnis "eine Schwächung des kommenden Bundesvorstandes bedeutet, egal wer in diesem sitzen wird".

Sonntag der 8. Dezember 2002

Der entscheidende Tag beginnt für Katja um 10 Uhr in der Halle. Zu Beginn der Versammlung werden noch einige Tagesordnungspunkte vom Samstag abgestimmt. Katja hat nur wenige Stunden geschlafen, ihre Nervosität steigt. Viel Zeit verbringt sie mit Ramona Pop und Christian Müller, dem früheren Geschäftsführer der GRÜNEN JUGEND. Es werden die letzten Punkte abgesprochen und noch einige Smalltalks geführt.

Die Rede von Angelika Beer als Kandidatin für den Bundesvorsitz beginnt und damit steht fest, dass Katja mit ihr als Konkurrenz um den Platz als Beisitzerin nicht zu rechnen hat. Da sich keine weitere Bewerberin gemeldet hat, findet im Anschluss an die Rede die Wahl zur Bundesvorsitzenden statt.

Anschließend kommt die Überraschung, als Reinhard Bütikofer für den Posten des Bundesvorsitzenden antritt. Als politischer Geschäftsführer der Partei wollte er eigentlich seinen Rückzug aus dem Bundesvorstand vollziehen. Doch in einer langen Nacht mit einem Treffen von Parteirat, Präsidium und Vorstand und sich anschließenden Gesprächen an der legendären Hotelbar, fand sich diese Lösung.

Katja bereitet sich auf ihre Rede vor und wird dabei von Christian Sili unterstützt. Als sie zum Rednerpult geht, sind ihre Augen fest auf das Pult gerichtet, und ihre Anspannung ist zu spüren. Ihre Rede leitet sie mit einer Reflexion bündnisgrüner Politik ein. Sie spricht über die Bedeutung des Umweltschutzes, das grüne Kernthema. Katja strebt dabei eine stärkere Zusammenarbeit mit Nichtregierungs-Organisationen an.

Eigene Kompetenzen und eine enorme Bedeutung, sieht Katja auch in dem Bereich Neue Medien. Das verstärkte Angebot von elektronischen Abstimmungsmöglichkeiten (E-Democracy) könnte die Bevölkerung intensiver in den politischen Prozess einbeziehen und bisher nicht erreichte Gruppen ansprechen, versucht sie den Delegierten zu erklären.

Zugleich betont sie aber auch die besondere Bedeutung von jungen neuen Mitglieder. Die Integration der neuen Mitglieder solle zukünftig besser funktionieren, um sie somit langfristig an die Partei zu binden. Katja möchte als ehemalige Sprecherin der GRÜNEN JUGEND den Jugendverband mehr in die Arbeit der Partei einbeziehen und die dort vorhandenen Fachkompetenzen besser nutzen.

Mit zunehmender Zeit redet sie freier und lockerer. Durch einzelne Anspielungen versucht sie die Situation zu entspannen und erhält immer mehr Applaus. Zum Schluss geht sie auf ihr wichtigste Thema die Frauenpolitik ein, denn ihr Hauptziel ist es, Frauen finanziell unabhängiger zu machen.

Als sie ihre Rede beendet, erhält sie großen Beifall von allen Seiten. Glücklich und gelassen geht sie zu ihren Freunden zurück und erhält auf dem Weg schon die ersten Glückwünsche. Da sich keine weitere Bewerberin gemeldet hat, steht ihre Wahl so gut wie fest. In einem Pulk von Menschen erhält sie Unterstützung und Glückwünsche und es ist an ihrem freudigen Grinsen abzulesen, dass sie zufrieden mit sich ist. In einem späteren Gespräch sagt sie: "Zu Anfang war ich etwas nervös, konnte mich später aber richtig lösen und frei meine Themen ansprechen. Ich bin ja nicht der Typ, der gerne vor großen Menschenmassen spricht."

Wenig später wird das Ergebnis des Wahlganges bekannt gegeben und Katja ist mit 548 Stimmen zur neuen Besitzerin im Bundesvorstand gewählt. Über 90 % der Delegierten haben also für sie gestimmt. Katja ist glücklich und ihre Augen funkeln. Sofort erhält sie von Freunden und Bekannten Glückwünsche und zahlreiche Umarmungen. In einer kurzen Ansprache nimmt sie die Wahl an und verdeutlich, dass sie sich auf die Zusammenarbeit freut. Erste Gratulanten sind Krista Sager, Volker Beck und Joschka Fischer.

Später findet sie die Zeit und ruft bei ihren Eltern an, um ihnen die freudige Nachricht zu übermitteln. Sie irrt mit dem Handy am Ohr in einer Ecke der Halle umher und muss ihrem Vater erklären, dass sein "Mädchen" jetzt im Bundesvorstand einer Regierungspartei sitzt.

Der Tag vergeht und weitere Bundesvorstandsmitglieder werden gewählt. Als zweiten Beisitzer setzt sich der Sprecher der Grünen Jugend Hessen, Omid Nouripour im zweiten Wahlgang gegen den Sprecher der GRÜNEN JUGEND, Benjamin von der Ahe durch.

Später findet dann die erste Bundesvorstandssitzung statt und der neu gewählte Vorstand spricht die ersten Termine und Vorgehensweisen ab. Die Arbeit soll direkt am nächsten Tag mit der Vorstandssitzung morgens um 10 Uhr in Berlin beginnen.

Nun hat Katja es erreicht. Den gesamten Tag geht sie nur noch mit einem strahlenden Gesicht durch die Halle und wir treffen uns ein letztes Mal. Gemeinsam sitzen wir an einem Tisch und sie erzählt mir, wie alles gelaufen ist und wie ihre Gefühle schwankten. Für die kommenden Wochen sieht sie einiges auf sich zukommen. Hilfe erhält sie dabei von ihrem neuen Mitarbeiter Christian Müller. Die ersten Planungen werden abgesprochen und wichtig: es muss sich jemand um eine gute Cappuccino- und Kaffeemaschine kümmern. Es geistern bei ihr zahlreiche Gedanken umher: Wann werden die nächsten wichtigen Termine sein? Braucht sie ein neues Handy?

Auch in ihrem Privatleben wird sich einiges ändern. Sie will ihr WG-Zimmer in Hamburg behalten, um den Kontakt zu FreundInnen und ihrer Heimat nicht zu verlieren. Gleichzeitig wird sie sich ein Apartment in Berlin zulegen. Für den Abend freut sie sich darauf nach Hamburg zurückfahren zu können, um in ihrem eigenen Bett zu schlafen und mit einem guten Freund noch ein Bier zu trinken.

Wie es weitergeht mit Katja? Verfolgt die bündnisgrüne Politik, und ihr werdet mit Sicherheit einige ihrer Ideen bald wieder finden.

An dieser Stelle möchte ich Katja noch einmal gratulieren und mich dafür bedanken, dass sie immer meine Fragen beantwortet hat, egal wie nervig sie waren oder in welch unpassenden Situationen sie kamen.

Mehr Informationen über die Bundesdelegiertenkonferenz könnt ihr in unseren Nachrichten lesen.