Die Wirklichkeit ist komplexer

13.11.2009: Eine Auslandskorrespondenz aus Ägypten

Facebook, Blogs, Twitter – diese Kommunikationswege gehören zur jungen Medienwelt auch unter den wohlhabenden Schichten Kairos. In der Freizeit wird geadded, geposted, getwittert, getagged. Das Moderne gehört ebenso zum Leben der jungen Menschen hier wie das traditionelle Shisha rauchen und Tee trinken auf der Straße. Straßen sind kulturell der wichtigste Ort in Ägypten. Hier wird ver- und gekauft, gefeilscht, gearbeitet, gelacht und sich von der Hitze ausgeruht. Nicht selten stehen in den aqwas, den traditionellen Caféhäusern, Fernseher, die unscharf aber unermüdlich rattern und die Gesichter anziehen. Aber auch Printmedien sind überall: nicht eine Ecke, an der keine Zeitungen zu sehen sind. Und obwohl twitter & Co durch die iranischen Wahlen viel Beachtung im Ausland bekommen haben, sind es traditionelle Medien, die überall zugänglich und damit gesamtgesellschaftlich am wichtigsten sind. Wie aber ist es um die Qualität bestellt? Sind Medien Vermittlerin zwischen Politik und Volk? Hinterfragen sie kritisch den Staat? Die Zeitungs- und Fernsehlandschaft hier ist vielfältig und international. Da Hocharabisch die Sprache der Medien ist, strahlen Sender aus allen arabischen Ländern ihre Botschaften aus. Und daher kommt die eigentliche Gefahr für Ägypten's Gesellschaft: vom Golf. Die dortigen Staaten versorgen ärmere arabische Staaten wie Ägypten seit der Ölkrise in den 1970ern mit Krediten und Geldgeschenken im Austausch für Arbeitskräfte. Als Folge der Arbeitsmigration haben es viele zu Wohlstand gebracht, im Gegenzug aber hat das gesellschaftliche und religiöse Denken aus dem Golf an Einfluss zugenommen. So steigt der Hang zum religiösen Konservatismus bis hin zur umstrittenen, oft widersprüchlichen wahabistischen Auslegung des Korans. Wahabisten sehen sich als die Hüter des reinen Korans an und unterscheiden sich von anderen Strömungen im Islam vor allem durch ihren Alleinigkeitsanspruch und Dogmatismus. In Ägypten manifestiert sich dies beispielsweise im Wandel des Kleidungsstils der Frauen bis hin zum Kopftuch oder dem mittlerweile verbreiteten Gesichtsschleier higab. Vereinfacht lautet die TV-Propaganda aus dem Golf: "Eure Frauen werden auf der Straße belästigt? Ein Grund mehr sie zu Hause zu lassen!" Mit Kontraprogrammen versucht die ägyptische Regierung, gegenzusteuern. Denn auch ihr Fortbestand ist bedroht. Seit dem Attentat der Muslimbrüder auf den früheren Präsident Sadat 1981, das Mubarak zum Machthaber machte, ist die Angst in der Regierung vor religiöser Radikalisierung der Bevölkerung groß. Freie Medien und Meinungsfreiheit sind also nicht nur durch die Regierung eingeschränkt. Zwar wird die Regierung von einzelnen JournalistInnen auch kritisch angegriffen, beispielsweise wenn Oppositionelle plötzlich Verschwinden und wieder Auftauchen. An der politischen Elite, ob regierungsnah, -fern oder unabhängig, sind die Menschen in der Regel aber nicht interessiert. Es bleibt ja eh alles in den selben, wenigen Händen. Und so hat man am Besten nichts mit dem autoritären militärisch gestützten Staat zu tun und sorgt sich um sich selbst – und die Familie.

Svenja Tidau aus Kairo

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