Virtuelle Welt im Norden, Materieller Schaden im Süden
13.11.2009: Elektroschrott: Wie es hinter der Mülltonne weitergeht und warum das schon vor der Ladentheke verhindert werden sollte
Die Problematik des Elektroschrottes (kurz: E-Schrott) ist vielen Menschen wenig geläufig und doch ist es ein großes ökologisches Thema. Denn E-Schrott bezeichnet die Reste von so ziemlich allen durch Strom betriebenen Geräten bzw. deren Bauteilen. Da fällt eine Menge an. Hast Du dich schon mal gefragt, wo der alte PC oder das alte Handy hinwandert? E-Schrott besteht aus mehr als Metall und Plaste, er enthält er eine Vielzahl Schwermetalle wie Blei, Arsen, Cadmium und Quecksilber. Nicht umsonst wird er als Giftmüll klassifiziert. Jährlich wächst die Menge um 5–10 %, wobei nur ein Zwanzigstel weiterverwendet wird.
Deutschlands 38 Millionen Haushalte produzieren in jedem Jahr rund 1,1 Millionen Tonnen E-Schrott (Spitzenreiter USA über 2 Mio. Tonnen). In Australien werden 9 Mio. Computer in 2 Jahren ersetzt. Das ist viel Schrott und der wächst immer schneller. China holt mit 22 % Wachstum in den letzten Jahren mächtig auf. Schuld sind die kurzen Lebenszyklen der Produkte: teure Ersatzteile und hohe Reparaturkosten, ein sich schnell wandelnder Trend (z.B. bei ''Apple'') und immer neue Standards (z.B. ''USB 2.0'') und Kompatibilitäten (z.B. rund um ''Windows'') machen Neuanschaffungen attraktiv. Zudem sind viele Produkte einfach schlecht oder bewusst auf kurze Haltbarkeit gebaut (wieder z.B. ''Apple'').
Die von 165 Nationen (nicht USA, Russland, Indien; Stand 2005) der Welt unterzeichnete Basler Konvention verpflichtet, den Elektroschrott im Entstehungsland zu recyceln. Doch Produktionsbeginn und –ende sind nah beieinander: Die Geräte werden billig im globalen Süden hergestellt, im Norden benutzt und dann als Müll zurückexportiert. Die Menschen im Süden produzieren und bekommen dafür unseren Müll. Warum? Weil das angeblich „wirtschaftlich“ ist.
Meist fließt der E-Schrott via Singapur nach Pakistan (Sher Shah), Indien (Mumbai, Neu Delhi und Chennai) oder China (Hongkong). Dort erfolgt kein professionelles Recycling, sondern erfolgt privat unter für Mensch und Umwelt schlechten Bedingungen: Schwermetalle wie Blei, Arsen oder Quecksilber werden mit Hammer, Säurebädern oder Feuer getrennt, um sie weiterzuverkaufen. Um an Gold und Kupfer zu kommen, werden z.B. Plaste-Isolierungen verbrannt. Dabei entstehen giftige Gase die eingeatmet werden.
In der Schweiz gibt es seit 1991 bereits ein Elektroschrottrecyclingsystem und seit wenigen Jahren hat auch Deutschland (dank Brüssel) ein „Elektro- und Elektronikgerätegesetz“ (ElektroG) welches den Umgang mit E-Schrott regelt. Es müssen mindestens 4 kg/Person jährlich recycelt werden. Und die Herstellerinnen sind in der Pflicht, ihren E-Schrott zurückzunehmen und fachgerecht zu entsorgen. Ein Export ist nur in OECD-Länder erlaubt; die Kosten werden an die Kund_innen weitergegeben. Auch gibt es eine Obergrenzen für gefährliche Stoffe in technischen Geräten – viel wird jedoch im Ausland produziert.
Doch wenn z.B. in Großbritannien jährlich 450.000 Tonnen recycelt werden, bedeutet dies, dass 500.000 t in die sog. "Dritte Welt" verschwinden. Solche „versteckten Flüsse“ sind weltweit um ein Vielfaches größer, teilweise 90 %. Selbst das offizielle Recycling funktioniert nicht, wie Greenpeace mit einem Peilsender zu Beginn dieses Jahres aufgedeckt hat. Der „ordentlich“ recycelte Fernseher endete in Lagos. Kein Wunder. Zwischenhändler_innen zahlen ca. 3,50 € für so etwas. Das ist „wirtschaftlich“. Oder er wurde einfach als Altgerät und als Müll exportiert, alles eine Frage der Definition.
Es gibt vier große Müll-Abkommen, doch nur einige westeuropäische Staaten haben alle unterzeichnet: die Basler Konvention, das Londoner Protokoll (zur Verklappung im Meer), die Rotterdam-Konvention (über den Handel mit gefährlichen Chemikalien) sowie die Stockholm-Konvention (zum Transport- und Produktionsverbot schwer abbaubarer Umweltgifte). Ob mit oder ohne Unterschrift, vor allem das Bereitstellen von nötigen Informationen klappt fast gar nicht, sodass die Datenlage spärlich ist.
In den USA werden lediglich 12 % des E-Schrotts recycelt; doch reicht hier ein „Mehr“? Eigentlich ist ein anderes Herangehen wichtig, denn die Kapazitäten zum nachhaltigen Recycling reichen nicht aus bei den Mengen an E-Schrott. Verwendete Materialien müssen umweltfreundlicher werden, langfristig brauchen wir für alle bezahlbare Öko-Computer. Die Transportwege für E-Schrott (und Müll generell) müssen radikal verkürzt werden. Die Basler Konvention muss sinnvoller umgesetzt werden: wer ein Gerät benutzt, muss das ökologische Recycling zahlen. Materialien sind dabei möglichst als Rohstoffe oder Energiequelle zu verwenden, nicht als Abfall. Zudem muss endlich der Konsum gebändigt werden. Es gibt in der OECD eine deutliche Korrelation zwischen dem Anstieg an Hausmüll und dem Bruttonationalprodukt – nicht der Bevölkerungszahlen. Laut Prognosen wird es in Zukunft nur noch deutlicher: Wohlstand schafft Müll, nicht Menschen.
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Georg P. Kössler