I'm a Cyborg
13.11.2009: Geschlecht im Internet
"Im Internet gibt es keine Frauen!" So schallt es gerne mal von hier und da, wenn Frauen sich durchs Internet bewegen. Tatsächlich wurde diese Technologie anfänglich mehrheitlich von Männern genutzt. Für Cybersex (also Sex über Nachrichten im Internet) gab sich der ein oder andere dann schonmal als Frau aus. Wer kann das schon nachprüfen?
Geschlechtsidentitäten sind in einer virtuellen Welt viel einfacher zu wechseln oder gar zu ändern. Jeder Mensch kann sich als Frau, als Mann, als Ding, als Kind, als alter Mensch oder gar als Tier ausgeben. "Niemand weiß im Internet, dass ich eine Biene bin." Das fängt an mit Mädchen, die sich älter machen oder Jungen, die sich jünger machen und hört auf, bei komplett konstruierten also frei erfundenen Persönlichkeiten. Der Wechsel des Geschlechts hat manchmal unangenehme Züge, wie beim älteren Mann, der sich als 20jähriger ausgibt, um sich mit 16jährigen zu treffen. Aber auch Spaß kann die Ursache sein, bspw. Frauen, die sich Schwulencommunities ansehen möchten.
Was hat das für Auswirkungen? In den kleinen Unhwahrheiten erstmal keine. Immerhin schaffen wir uns unsere Identität jedes Mal neu durch ein bestimmtes Auftreten gegenüber bestimmten Personen(gruppen). So wird versucht gegenüber den eigenen Eltern eine gemäßigtere Sprache zu finden als dies beispielsweise im Freundeskreis der Fall ist. Und ab und zu wird auch versucht, sich beim Besuch von Verwandten mal "was ordentliches" anzuziehen bzw. auf einmal wird die Wohnung gesäubert. Wir richten uns also tagtäglich unser Selbst so ein, wie wir es gegenüber der anderen Person gerne hätten.
In der Virtualität kommt allerdings der fehlende Körper hinzu. Wie kann etwas fehlendes denn hinzukommen? Nun als Komponente, mit der gespielt werden kann. Die Körperlichkeit des Gegenübers ist im Internet rein real einfach nicht gegeben. Fotos können aus einem vorteilhafte(re)n Blickwinkel geschossen sein oder werden einfach nicht eingestellt. Der Körper kann absolut inszeniert werden über gefundene Bilder anderer Personen, wie wir dies innerverbandlich auch von Dave B. Rill (dave-rill.blogspot.com) kennen, wobei der jetzt natürlich heftig protestieren würde. Diese Allgegenwärtigkeit von allen Möglichkeiten verschiedener und vielfältiger Geschlechtsinszenierungen lässt diese wiederum in den Hintergrund treten. Das heißt, die Überinszenierung führt zu einem Verschwinden des Inszenierten. Klingt komisch, ist aber so. Wenn etwas zu sehr betont und ausdifferenziert wird, verschwindet es zu Gunsten anderer Parameter. Und vielleicht ist es dann möglich, dass wir uns virtuell mehr als Menschen denn als Männer und Frauen begegnen.
Katharina Spiel