Striptease für eine Bratpfanne
13.11.2009: Warum Unternehmen unsere Daten sammeln
Unternehmen speichern Daten. Viele Daten. Zum einen Kundendaten, die notwendig sind, um die Geschäftsbeziehungen am Laufen zu halten. Zum anderen Profildaten über Vorlieben und Interessen ihrer Kunden. Diese Daten sind für die Abwicklung von Geschäften an sich unbedeutend, für die Werbung jedoch umso interessanter. Die Speicherung von Profildaten wird deshalb immer mehr Bestandteil von Geschäftsmodellen, da sich diese Daten gewinnbringend verwerten und verkaufen lassen.
Vorreiter bei der Speicherung von Profildaten waren Versandhäuser, Verlage und die Lufthansa. Quelle, Otto und Co. konnten durch ihre Erfahrungen mit den Kunden erahnen, wofür diese sich interessieren, wie deren finanzielle Situation und Zahlungsmoral aussieht. Die Zeitungs- und Zeitschriftenverlage haben personenbezogene Daten ausgetauscht, um damit neue Angebote besser an den Mann oder die Frau zu bringen. Als wegweisend im Bereich Customer Relationship Management (CRM) gilt das Miles and More-Programm der Lufthansa. Mit diesem Programm begann Lufthansa bereits 1993, den Kunden mit immer neuen Angeboten bei Laune zu halten und ans Unternehmen zu binden. Für solche Aktionen sind umfangreiche Datenberge notwendig, die den Kunden in seinen Eigenschaften und Interessen genau profilieren.
Politisch problematisch sind hierbei besonders die mangelnden Rechte der Kunden und die Intransparenz dieser Geschäftspraktiken, die allgemeine Daten(an)sammlung an sich muss aber auch kritisch hinterfragt werden. Einmal in den Sog geraten, kommt man kaum noch aus dem Datenstrudel heraus. Bestes Beispiel sind Kundenkarten, die alle Lebensbereiche abdecken und nicht an ein Unternehmen gebunden sind.Vom Einzelhändler über die Tankstelle bis zum Optiker sind heute Unternehmen miteinander über die Profildaten ihrer Kunden vernetzt. Und profitieren.
Das größte deutsche Kundenkartenprogramm betreibt die Loyalty Partner GmbH mit der Payback-Karte. Hier wird wortwörtlich ein Striptease der Kunden abverlangt: Je öfter man die Karte nutzt – und damit jegliches Konsumverhalten preisgibt -umso mehr Punkte sammelt man. Diese können dann gegen Prämien oder Gutscheine eingelöst werden. Bekannterweise gibt es für relativ wenig Punkte schon eine neue Bratpfanne. Die am Payback-Programm beteiligen Unternehmen dürfen die Kundendaten untereinander tauschen und für ihre Zwecke auswerten. So können sie zielgerichtet Coupons verschicken und neue Kunden werben. Aral kann als Partner des Payback-Programms z. B. Frauen zwischen 30 und 45 im südlichen Hessen mit einem höheren Einkommen herausfiltern und diese gezielt anwerben. Die dafür notwendigen Informationen liefern Daten über das Kaufverhalten bei anderen Loyalty-Partnern wie Kaufhof oder Real. Es ist gar nicht notwendig, viele Informationen von sich Preis zu geben. Es genügt, ein einfaches Formular mit den anzugebenden Stammdaten wie Geburtsdatum, Name und Adresse bei der Anmeldung zum Programm auszufüllen. Die zusätzlichen Informationen über Einkommen, Interessen oder Vorlieben ergeben sich einfach von selbst: Sie lassen sich ableiten aus dem Konsumverhalten, dokumentiert durch eine regelmäßige Nutzung der Payback-Karte.
Gegen den Missbrauch solcher Daten kann man nur selten vorgehen. Es ist sehr schwer herauszufinden, wo Informationen herkommen, die oft auf einmal in Call-Centern oder so genannten Direct-Marketing Firmen landen. Bei Nachfrage bei den beteiligten Unternehmen wird man mit allgemeinen Informationen abgespeist. Ein Einblick in den Umfang der gespeicherten Daten wird häufig verwehrt. Viele begründen ihr Verhalten mit der Wahrung von Geschäftsgeheimnissen.
Vollkommen fehlgeleitet ist angesichts dessen das neu verabschiedete Bundesdatenschutzgesetz. Es ermöglicht Unternehmen durch viele Sonderregelungen weiterhin, ungefragt mit Daten ihrer Kunden zu handeln und diese zu verwerten. Datenschutz sieht anders aus. Die Einwilligung zur Datenweitergabe muss nun zwar grundsätzlich als explizite Einwilligung gegeben werden (das sog. Opt-In). Aber hier gibt es wieder etliche Ausnahmen, die CDU/CSU und SPD ins Gesetz hinein geschrieben und sich damit dem Druck der Lobbyisten gebeugt haben.
Überhaupt nicht angegangen wurde zudem der Datenschutz in der digitalen Welt. Hier herrscht teilweise eine Wild-West Stimmung -im Sinne von „anything goes“. Auch wenn es grundsätzlich keinen Unterschied beim Datenschutz zwischen der realen zur digitalen Welt gibt, nutzen zahlreiche Firmen die Unwissenheit von NutzerInnen und die Unübersichtlichkeit im digitalen Raum gezielt aus. Damit hat das Problem im Netz eine besondere Qualität.. Datenschutzrechtlich zunehmend problematisch werden große internationale Datensammler wie Google. Die Suchmaschine bietet mittlerweile jegliche Dienstleitung im digitalen Raum an und speichert sämtliche ihr zugänglichen Daten, die dann gezielt verwertet werden. Hier stößt das nationale Datenschutzrecht an seine Grenzen und es wird deutlich, wieso europäische oder sogar globale verbindliche Standards notwendiger sind denn je. Denn der Datenhandel wird sich in den nächsten Jahren internationalisieren. Es wird umfangreiche Profile über uns alle geben.
Praktische Tipps, wie man seine Daten selber schützen kann, gibt es unter Datenschutz
Malte Spitz