Trash
13.11.2009: Warum wir den Unsinn im Fernsehen brauchen und lieben
"Damit eins klar ist: Wir reden hier über wirklichen 'Trash', Müll in des Wortes engster und schmutzigster Bedeutung, über Unbrauchbares, Dreckiges, 'Mist' in jeder Hinsicht, ästhetisch, historisch und epistemologisch nicht mehrwertfähig, umgangssprachlich 'echten Scheiß'." So beginnt ein Text des Medienwissenschaftlers Lorenz Engell, der sich "Über den Abfall" nennt und im Band "TV-Trash - The TV-Show I Love to Hate" befindet. Wir reden also über den alltäglichen Unsinn, der im Fernsehen läuft und über den wir uns alle so herrlich aufregen können, weil er einerseits mindestens Kulturverfall und andererseits einfach mal ein gutes Thema zum Aufregen bietet. Aber um zu klären, was hier konkret Thema ist: "Wir reden über die vorabendliche Partnersuchsendung des MDR-Fernsehens, über völlig verblödete Kinder-Unterhaltung sonntags früh um sechs Uhr dreißig, über unüberbietbar belanglosen Talk und die Nichtigkeiten der Ratgebersendungen. Also über sechzig Prozent des Fernsehangebots."
Da der Text aus dem Jahre 2000 ist, konnte er noch nicht unsägliche Gerichtsshows und Polizeisendungen mitdenken, allerdings entwickelt sich ja auch Müll weiter. Grundsätzliches lässt sich dennoch festhalten. Wie oben schon erwähnt wurde: Allein des Aufregens willens ist der Trash richtig. Wie sonst soll eine Gruppe Menschen sich intellektuell erhaben vorkommen können, wenn es nicht etwas gibt, dass als minderwertig, nutzlos und eben intellektuell unterfordernd dargestellet werden kann? Wobei hier noch folgender Widerspruch amüsant zu beobachten ist: Wie kann eine Beschwerde über etwas funktionieren, das entweder unbekannt ist (Zitat: "Also ich seh mir ja so etwas nicht an.") oder heimlich geliebt wird (Zitat: "Das ist so schlecht, das ist schon wieder gut"). Vielleicht geht diese oberflächliche Diskussion ja auch an etwas Elementarem vorbei. Im Grunde sollten wir uns erst einmal der Definition des Begriffes Müll zuwenden. Während es Gegenstände gibt, deren Wert zunimmt (Kunstgegenstände bspw.) oder auch jene, deren Wert abnimmt (so ziemlich alle Konsumgüter wie Computer, Essen etc.), so gibt es auch Gegenstände, die im Idealfall des Mülles den Wert Null, also gar keinen haben. Sie können auch erst zu Müll werden. Dafür sind Verpackungen ein gutes Beispiel. Sie sollen einen Gegenstand umhüllen und vor der Umwelt schützen. Wird der Gegenstand allerdings seiner Bestimmung zugeführt (eine Packung Äpfel einem Kuchen), wird die Verpackung zwecklos und somit Müll. Der Wert ist durch die Entwendung des auf sich bezogenen Gegenstandes nichtig geworden. Wert im Sinne des Fernsehens nun ist vor allen Dingen die Aufmerksamkeit der Zuschauer_innen.
Der Witz bei dem Ganzen ist die Recyclingstrategie des Fernsehens, also die Wiederverwertbarkeit einzelner Sendungen. Die Serie STAR TREK, die heute großartigen Kultstatus genießt, wurde in ihrer ersten Aussendung als minderwertig und von schlechter Qualität beurteilt. Zwei, drei Jahre später wurde sie dennoch wieder ausgestrahlt und auf einmal war sie ein Erfolg sondergleichen. Manche Produkte des Fernsehens erhalten ihren Wert also manchmal erst im Nachhinein. Kalkulieren lässt sich dies bei der Herstellung bestimmter Formate nicht bzw. nur schwerlich. Und angesichts dieser Wiederverwertbarkeit lässt sich eine unbeantwortbare Frage stellen: Sind Fernseharchive kleine Kunstausstellungen oder nur riesige Müllhalden? Daran schließt sich auch die Überlegung an, ob - Fernsehen als Kulturgegenstand betrachtet - nicht alles, was je im Fernsehen lief, als eben dadurch, dass es Teil des Fernsehens ist, nicht einen kulturellen Wert besitzt und somit archiviert werden müsste.
Ein weiterer Aspekt dieses notwendigen Trashes ist die Notwendigkeit der Langeweile. Eine Gesellschaft, die sich auf Arbeit als primäres Lebensziel verständigt hat und diese auch zum Lebensmittelpunkt eines individuellen Lebens macht, indem sie mind. ein Drittel eines Tages einnimmt, braucht ein konkretes Ausgleichsmoment, dass von der hochkonzentrierten oder auch körperlich anstrengenden Arbeit ablenkt. Und so ist es nur verständlich, dass die Komplexität und Unüberschaubarkeit eines jeden individuellen Lebens sich ausgleichen lässt durch die einfache Strukturierung, die eine Daily Soap oder eine stupide Talkshow anbietet. Oder auch die alltägliche Ungerechtigkeit, die einem/r widerfährt, lässt sich leichter ertragen, wenn wenigstens Barbara Salesch inszenierte Gerechtigkeit walten lässt. Und natürlich sind Menschen, die solche Sendungen sehen nicht gleich dumm. Es geht nie um intellektuelle Erhabenheit und die sollte mensch sich auch nicht einbilden. Damit wird es den einen zu einfach und den anderen zu schwer gemacht. Und einfache Lösungen sind meistens die falschen. Also weg mit dem angeblichen Kulturverfall und her mit der kulturellen Rezeption!
Zwar verschwindet nun auf einmal etwas, worüber es sich zu Beschweren doch so einfach und angenehm war. Aber dafür ist dann vielleicht Zeit, wichtigere Probleme anzugehen. Auch mit der Ausgleichsleistung des Trashs im Fernsehen.
Katharina Spiel