Was soll der Scheiß?

13.11.2009: Facebook und Twitter betrachtet

Das Web 2.0 - das sind Portale wie Facebook, StudiVZ, Twitter und Co. Anfangs belächelt und misstrauisch beäugt, sind die NutzerInnenzahlen rasant gestiegen. KritikerInnen sehen in Facebook-Freundschaften den Niedergang der wirklichen Freundschaft, andere bemängeln die unzureichenden Möglichkeiten die Privatsphäre zu schützen. Beides ist nicht von der Hand zu weisen. Warum aber trotzdem in den „sozialen“ Gefilden des Internets präsent sein? Die Antwort ist: weil es im Kern um etwas ganz Reales geht – es ist die Ausweitung des menschlichen Bedürfnisses nach Nähe auf die digitale Welt.

Der von DatenschützerInnen befürchtete Super-GAU ist ausgeblieben. Denn im Gegensatz zu staatlichen Eingriffen in den Datenschutz, passiert hier immer noch alles so gut wie freiwillig. Zwar sind die Rechte der NutzerInnen stark begrenzt, aber jedeR kann selbst steuern, was verwertet wird oder in Suchanfragen zu finden ist. Das ist der gravierende Unterschied zur Ausweitung von staatlichen Überwachungsrechten, die immer tiefer in unsere Privatsphäre eingreifen, ohne dass wir es kontrollieren können, bspw. die Vorratsdatenspeicherung. Getreu dem Motto „Erst Denken, dann Schreiben“ muss man bei Facebook und Co. sich selbst und seine Mitmenschen schützen. Man muss weder die Fiebertemperatur im Stundentakt twittern, sexuelle Vorlieben in Kommentaren posten noch Freundinnen und Freunde auf peinlichen Bildern taggen.

Oft ist die Rede vom Web 2.0 als einem digitalen Dorf. Dieser Charme, den im Internet bis vor einiger Zeit nur Eingeweihte der digitalen Hochkultur erfahren haben, ist nun allen zugänglich. Ideen und Gedanken werden schneller ausgetauscht.<br> KritikerInnen sagen häufig: Die FreundInnen sind gar keine und das Ganze ist nur digitale Illusion, mehr als 30 FreundInnen könne man gar nicht haben und so weiter. Wer so argumentiert, hat nicht verstanden, worum es bei Facebook geht. Freundschaften bei Facebook oder StudiVZ sind keine Versprechen, durch Dick und Dünn zu gehen. Spätestens wenn man 300 „Freundinnen und Freunde“ hat, und trotzdem niemand beim Umzug hilft, weiß man was der Unterschied ist. Deshalb ist der Begriff eigentlich falsch. Wer-kennt-Wen drückt es besser aus: „Ich kenne Anna“ beschreibt den Grund des „Leute-Addens“ besser als die Freundschaftsanfragen bei StudiVZ oder Facebook. Und mit diesen Leuten - die von wahren Freundschaften über verflossene Liebschaften bis hin zu flüchtigen Bekannten reichen - schafft jedeR sein/ihr digitales Dorf. Durch dieses wird bei jedem Log-In geschlendert. Das macht Spaß, das ist bereichernd und das kann auch eine Bewegung stärken oder initiieren.

Facebook oder Twitter haben politisierende Wirkung. Es gibt nichts, was derart praktisch nutzbar ist und ein so großes und breites Publikum erreicht. Kein Wunder, dass der erste Streik in der Geschichte Ägyptens auf eine Facebook-Gruppe von April 2008 zurückzuführen ist, die von einem Mädchen Namens Esraa Abdel-Fattah gegründet wurde. Die Proteste im Iran werden per Twitter vorangetrieben. Informationen werden oft schneller als von Spiegel-Online einem breiten „Freundes“kreis und über weitere Schnittstellen noch viel mehr Menschen bereitgestellt. Die Kampagnenfähigkeit von Facebook ist aber noch nicht ausgereizt. Es ist attraktiv, schnell und einfach, UnterstützerInnen für Änderungsanträge zu sammeln oder innerhalb von 30 Minuten eine Gruppe, ein Unterstützerprofil oder ein kleines Widget zu seinem Anliegen zu erstellen, welches UnterstützerInnen oder FreundInnen auf ihren Profilen einbinden können. Noch simpler ist Twitter. Die Nutzerzahlen sind im Vergleich noch überschaubar, die Multiplikatoren-Wirkung aber umso größer. Informationen werden umgehend weitergeleitet. Über diese Mobilisierungs- und Multiplikatoreneffekte hinaus gibt es aber nur wenige Möglichkeiten, konkrete Projektplanung im Internet zu machen oder den Einbezug der „Offlinewelt“ sicherzustellen. Die Gefahr, sich in der digitalen Illusion zu verlieren, ist groß. Dazu bedarf es einer ständigen Selbstreflexion.

Deshalb liegt die Kunst der Nutzung sozialer Netzwerke darin, die Verknüpfung von On- und Offline klar im Blick zu behalten - um die eigene Privatsphäre zu wahren und um eine politische Wirkung zu erzielen. Hier gilt es auch für zu kämpfen, auch in den sozialen Netzwerken selber. Für einen besseren Datenschutz, für echte Profillöschungen und gegen die pauschale Abtretung von Nutzungsrechten. Let's do it!
Silke Gebel und Malte Spitz