Immer dabei und dennoch ohne Einfluss

13.11.2009: Twitter & Facebook bei GRÜNs

'''Ich wollte an dieser Stelle einen Artikel über all die angehenden und gegangenen Politiker_innen schreiben, der ihre Twitter und Facebook-Aktivitäten aufs Korn nimmt. Ich dachte mir: Es ist schon peinlich wenn alte Menschen (also solche über 27) versuchen mit unserem Web 2.0 irgendwie Wähler_innenstimmen zu erhaschen.'''

Zur Recherche loggte ich mich bei Twitter ein. Nach zwei Tagen habe ich 5 Followers und ein Angebot einer (minderjährigen?) Dame. Mein Passwort habe ich vergessen und weiß nicht was ich schreiben soll. "Schreibe einen SPUNK-Artikel", fällt mir spontan ein. Ich lasse es aber. Einige Politiker_innen sind besser im Twittern als ich und sicher ist ein Bütikofer interessanter, wenn er berichtet, wie sein Kumpel Jan sich schneller den „#EP-Ausweis“ ausstellen lässt. Er wurde sogar in meinem Radio schon als positives Twitterbeispiel erwähnt. Zwar wurde nicht gesagt warum das für die Politik wichtig ist, aber es fragt ja auch kein Mensch weshalb Politiker_innen zu jedem Mist in anderen Medien ihre Meinung ablassen müssen. Insofern reiht sich Twitter wunderbar ein in das weite Netz des "hallo-ich-bin-wichtig-bitte-nimm-mich-wahr-bitte-bitte"-Gehabe unserer Abgeordneten. Ich bin mir sicher, dass hunderttausende Jungwähler_innen sich sagen: "Jawums, den Büti wähl ich! Der twittert aus dem Dienstauto und vom Treffen mit der Wirtschaft. Der hat außer Politik zwar nie etwas gemacht, aber kann sich trotzdem auf 140 Zeichen runterkürzen. Der ist so wie ich." Mit Twitter können wir Grüne die Welt retten, so wie jetzt Twitter den Iran (fast) umschmeißt. Wer sieht es nicht vor sich? Claudia Roth stellt sich, nur mit einer Sonnenblume und dem Blackberry bewaffnet, den Panzern in [bitte beliebigen Konfliktschauplatz einsetzen] entgegen. Alles wird besser und obendrein hat die Parteiprominenz und –pomeranz etwas zu tun, um sich die freie Zeit an der Sonne zu vertreiben. Wums!

Bei Facebook bin ich mit beiden Parteivorsitzenden befreundet. Mit Claudia habe ich sogar schon mal was getrunken (nicht mit Cem, aber der wohnt im gleichen Bezirk!) - sicher deshalb hat sie mir die Freundschaft angetragen. Ich fühle mich kurz ganz wichtig. Dann schau ich mir an, was die so schreiben. Claudia erklärt, dass die Haupttodesursache von Bibern umfallende Bäume sind und hat uns alle „gelle gern“ und ist grad vom Abiball zurück. Naja, besser spät als nie. Cem informiert mich sogar in Englisch: „Dear friends, you can support Cem on his fanpage, too. Best wishes Team Cem.“ Generell viel in Englisch – Yes we Cem! Jürgen Trittin fragt sogar "Freunde werden" auf der Grünen-Website. Nachdem wir uns dort das Ja-Wort gegeben haben, schreibt er mir „Aber hier leben – nein danke“ und durch die Begeisterung für Tocotronic spüre ich das Gespenst des Links-sein von damals. Geil! Dann geht er auf den Kollwitzplatz [für Nicht-Berliner: Kietzplatz mit hoher Promidichte im wohlhabenden Prenzlauer Berg] und kauft Gemüse – ob er mich demnächst mal mitnimmt? Denn eines schafft dieses „Social networking“ ja schon, jede_r Parteisoldat_in kann und darf sich mit den Vorderen menschlich verbunden fühlen, in diesem Feeling verschwinden und die junggrüne Basis tanzt bei „neun stimmen in meinem kopf [mit] melodie von tetris“ und macht „Apfelkuchen für Insomnia :)“, welcher dann auf dem schmalen Grad zwischen Privat- und gewolltem Politleben den oberen angetragen wird (Claudia: „Gefühlte 10 Stück Biokuchen gegessen.“). Politisch ist das selten, doch als Dauer-Add-On zum kollektiven Trinken bildet es unsere grüne Identität mit. Jetzt nur noch Substanz und dann meld ich mich noch mal an zum Weltenretten – bei Twitter.

''von Peter''