Zwischen Postkarte und Diskette

13.11.2009: Die Grüne Jugend (fast) ohne Internet

Die Inbox der Spunk-Redaktion ist mal wieder leer. Verdammt, der Artikel müsste doch wirklich mittlerweile da sein, die Endredaktion drängt. Doch Fehlanzeige, nur eine Werbung für Pizza und Pasta, aber sonst gähnende Leere. Ich mache den Kasten zu, laufe etwas ratlos die Stufen in den dritten Stock des Berliner Altbaus, zurück in die Wohnung. Für heute wird es also nichts mehr, der Postbote kommt schließlich nur einmal. Der Griff zum Telefonhörer: Am anderen Ende nur der WG-Anrufbeantworter, dem ich meine Nachricht hinterlasse. Wo, bitte schön, sie bleibe, die dringend erwartete Bewertung des frisch verabschiedeten Koalitionsvertrages der ersten rot-grünen Koalition in Deutschland. Bitte bald, sage ich, und bitte unbedingt schon auf Diskette, schließlich bleibt mir wirklich keine Zeit, den Text auch noch abzutippen.

1998 spielt diese Geschichte – und sie hat sich so und ähnlich häufig abgespielt in der ersten Zeit, als die Grüne Jugend viermal im Jahr eine Mitgliederzeitung auf die Beine stellte. Grüne Jugend – so nannten wir uns damals natürlich nicht, sondern Grün-Alternatives Jugendbündnis (GAJB). Und auch sonst war einiges anders. Schließlich war der Laden gegründet worden von Leuten, die zwar knapp, aber eben doch über der Altersgrenze lagen, die heute für die Generation der digital natives gesetzt wird. 1994, als das GAJB beim einem Gründungskongress in Hannover aus der Taufe gehoben wurde, gab es zwar natürlich schon Computer. Microsoft arbeitete damals auf Hochtouren an Windows 95. Aber miteinander kommunzieren konnten die Maschinen damals außer im Pentagon eher selten. Aber es gab ja die Post – und wenn’s nicht so lang sein musste, reichte auch mal eine Postkarte.

So bin ich zum Beispiel Mitglied geworden – und auch zu Bundesjugendkongressen oder Seminaren war das Kärtchen die gängige Anmeldemethode. Selten natürlich ohne politische Aussage auf der anderen Seite – Slogans, deren Forderung die Geschichte dankenswerterweise erledigt hat: „Kohl muss weg“ oder auch „Fuck Chirac“. Retour kam kurze später ein mehr oder weniger dicker Umschlag: Wegbeschreibung und Anträge inklusive. Viermal im Jahr kam mir das GAJB so ins Haus – bis ich irgendwann vom passiven Postempfänger-Mitglied zum aktiven Spunk-Redakteur wurde. Und da fing das Spiel mit den Disketten an, die mehr oder weniger pünktlich in meinem Briefkasten landeten. Und aus denen ich dann nach dem Redigieren eine gemeinsame machte, die an den Layouter ging. Und auch mit den Anrufen, Festnetz versteht sich, die damals, kurz vor der Telefonmarkt-Liberalisierung ein Heidengeld kosten konnten. Auf den wenigen Handys, die es Ende der 90er Jahre schon gab, rief man nur in Notfällen an.

Wer Politik machen wollte in der Grünen Jugend, musste damals viel reisen. Kongresse, Fachforen etc. waren die Orte, an denen diskutiert wurde. Und natürlich bot der Spunk genauso wie die Zeitschriften der Landesverbände Raum für Debatten. Auch der Spunk setzte vor jede Ausgabe ein Treffen – auf diese Weise habe ich bald jede Jugendherberge in Deutschlands Städten kennengelernt. Hilfreich war es immer, wenn wir auch wirklich mal einen Laptop dabei hatten – selbstverständlich war das nicht.

Aber natürlich war die Grüne Jugend ganz vorne mit dabei, was die neuen technischen Möglichkeiten anging. Und so war die Situation, wie sie hier beschrieben ist, langsam am Auslaufen, als sich die 90er verabschiedeten. „Jedem Thema eine Liste“ war eine Übersicht im Spunk 1999 überschrieben, wo die verschiedenen Mailing-Listen der Grünen Jugend aufgeführt wurden. Auch ich hatte da schon meinen ersten Email-Account von der Uni bekommen, inklusive ISDN-Leitung an den eigenen Computer in der Wohnung im dritten Stock. Pünktlicher sind die Artikel dann allerdings dennoch nicht unbedingt gekommen.

Korbinian Frenzel