Wie frei ist die Presse?

20.08.2002: Die Gründung von Zeitungen ist frei, und die besten Zeitungen werden die meisten LeserInnen finden. Soweit die Theorie. In Wirklichkeit ist die Realität wieder mal ganz anders.

Wenn die Rede von der freien Presse die Runde macht, dann ist damit gemeint: Freie Gründung, freie Recherche, freier Verkauf und gleiche Bedingungen für alle. Doch sind die wirtschaftlichen Bedingungen wirklich für alle gleich?

Die wirtschaftliche Situation einer Zeitung ist nur bedingt abhängig von Papierkosten, ZustellerInnenstreiks, Redaktionsgehältern oder dem Preis der Zeitung. Bei den meisten Zeitungen bringt der Verkaufspreis nur ein Drittel der Einnahmen, der Rest kommt durch Werbeanzeigen herein. Vor allem die AuftraggeberInnen der Anzeigen haben also direkten finanziellen Einfluss:

Von Bild subventioniert

Medien mit einem wirtschaftlich potenten Eigentümer sind nicht so stark auf Werbeeinnahmen angewiesen. Beispiel: verlustträchtige Blätter im Springer-Verlag können sich nur halten, weil sie von den Gewinnen der Bild-Zeitung subventioniert werden.

Große Firmen werden kaum Anzeigen in kapitalkritischen Medien in Auftrag geben. Beispiel: Minenhersteller Daimler-Chrysler schaltet keine Anzeigen in Blättern, die gegen die Rüstungsindustrie anschreiben.

Die Auflage macht’s

Die Größe der Zeitung entscheidet: bei großen Auflagen sind die festen Kosten (Redakteursgehälter, Anschaffungen, Mieten) niedriger pro Zeitungsexemplar, auch der Druck wird günstiger. Beispiel: der Spunk hat für ein bundesweites Magazin eine enorm geringe Auflage. Wenn diese Zeitung nicht vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend subventioniert würde, gäbe es uns nicht mehr.

Es zeigt sich: Der derzeitige Medienmarkt bevorzugt große Zeitungen mit kapitalkräftigen Eigentümern. Die anderen Zeitungen müssen ihre Kunden fester an sich binden, Spenden sammeln und/oder ihre Preise erhöhen. Beispiel: um die 250 Seiten „Spiegel“ gibt es für 2,80 Euro, die rund 60 Seiten „konkret“ kosten stolze 4,80 Euro. Diese strukturelle Benachteiligung bestimmter Medien ist innerhalb der bestehenden Wirtschaftsordnung nicht zu beseitigen. Das Problem ist also nicht leicht aus der Welt zu schaffen, aber wenigstens sollte man davon wissen, wenn wieder mal die Rede von der freien Presse die Runde macht.