Die Moral endet beim Tier
21.06.2006: Die Größe und den moralischen Fortschritt einer Nation, sagte Mahatma Gandhi, könne man daran messen, wie sie die Tiere behandelt. Wie sieht es damit aus bei uns? Tiere werden vor unserem Gesetz wie Sachen behandelt und haben keine Rechte: Kein Recht auf Leben, kein Recht auf Familie, kein Recht auf würdige Unterkunft.
Neue Rekorde beim Fleisch-Verbrauch
Noch nie in der Geschichte der Menschheit wurden so viele tierische Produkte gegessen wie heute: 92 Prozent der Deutschen essen regelmäßig Fleisch. Mittlerweile ist Deutschland auf Platz vier der weltweiten Fleischproduktion, im letzten Jahr wurden 6,7 Millionen Tonnen "produziert". Der Pro-Kopf-Verzehr liegt bei etwa 63 Kilogramm. Innerhalb der deutschen Ernährungswirtschaft ist die Fleischproduktion die drittgrößte Branche. Der größte Teil der Tiere vegetiert in der Massentierhaltung oder in der so genannten Intensivhaltung. Diese Haltungsform ermöglicht eine enorme Produktivität und den täglichen Überkonsum von Fleisch, Eiern und Milchprodukten in den Industriestaaten.
Das Leiden der Schweine
Jedes Jahr werden in Deutschland etwa 40 Millionen Schweine geschlachtet. Doch bis dahin ist es für die Tiere ein langer und grausamer Weg. Mutterschweine werden in Einzelbuchten künstlich befruchtet, in der 15-wöchigen Tragezeit vegetieren sie alleine vor sich hin - im Dunkeln! Den neugeborenen Ferkeln werden am ersten Tag ihres Lebens die Zähne abgezwackt, drei Tage später die Schwänze abgeschnitten. Und nach drei Wochen kastriert man sie, meist ohne Betäubung. Im Alter von vier bis fünf Wochen nimmt man den Müttern ihre Ferkel weg. Im Vormaststall werden sie dann auf ein Gewicht von etwa 30 Kilo gemästet. Dort leben sie in Gruppen von etwa 80 bis 200 Tieren auf Gitterrosten in nahezu ständiger Finsternis. Der Gestank ist furchtbar. In der Endmast werden die Schweine in kleinen Gruppen auf ihr Schlachtgewicht von 95 bis 110 kg gebracht. Sie stehen dabei auf Vollspaltböden ohne Einstreu, was bei den durch Überzüchtung besonders anfälligen Tieren zu Gelenkschäden führt.
Jedes fünfte Batterie-Huhn stirbt an Stress
Das Leben der rund 40 Millionen Legehennen ist zwar etwas kürzer, aber mindestens ebenso grausam: Fensterlose Hallen, 22 Hühner pro Quadratmeter, 20 Stunden am Tag künstliches Licht - damit mehr Eier gelegt werden. Jede Henne hat Platz in Größe einer DINA4- Seite - mehr nicht. Sie steht auf Drahtgittern, wodurch sich ihre Füße verformen. Unter diesen Umständen zeigen die Tiere schwere Verhaltensstörungen und picken sich gegenseitig die Federn aus. Dann werden ihnen einfach die Schnäbel abgeschnitten. Ein einziger Angestellter reicht aus, um eine halbe Million Hennen zu beaufsichtign. Bis zu 20 Prozent der Tiere überleben die 15 - bis 18-monatige Legeperiode nicht. Sie sterben an Stress oder Krankheiten wie Cholera, Salmonellen und Osteoporose. Artgerecht gehalten erreichen Hühner normalerweise ein Alter von mindestens 15 Jahren. Übrigens: Die männlichen Küken werden sofort nach der Geburt getötet, da sie für die Legebatterie wertlos sind.
(Siehe dazu: Legehennenhaltung nach Haltungsformen in Deutschland - www.lfl.bayern.de/iem/agrarmarktpolitik/15911/ )
80 Prozent mehr Putenkonsum seit 1990
Nach einigen Skandalen bei der Schweine- und Rinder-Produktion stieg der Putenkonsum seit 1990 um 80 Prozent. Vor allem die Putenbrust - das begehrteste aber auch teuerste Stück -erfreut sich höchster Beliebtheit. Der Preis, den die Tiere bezahlen ist jedoch noch viel höher: Skelett, Beine und Sehnen können mit ihrem viel zu schnellen Wachstum nicht mithalten und verbiegen sich unter der Last. Am Ende der 22 Lebenswochen rutschen oder liegen die Puten auf ihrer überbreiten und schweren Brust.
Hochleistungskuh gibt doppelt so viel Milch wie vor 50 Jahren
1951 gab eine Kuh im Jahr durchschnittlich 2.600 Liter Milch, 1998 schon 5.750 Liter, also mehr als doppelt so viel. Solche angezüchteten, völlig unnatürlichen Leistungen gehen selbstverständlich nicht ohne Folgen an den Kühen vorbei. Viele leiden an Mastritis, einer Entzündung des Euters. Früher war es normal, dass eine Kuh 15 Jahre alt wurde - die heutige Hochleistungskuh überlebt oft nur noch 4 Jahre. Schon bald nach der Geburt werden die Kälber von den Müttern getrennt und gehen sofort weiter in die Fleischproduktion. Sie leben ohne Artgenossen und ohne Sonnenlicht etwa fünf Monate, bis sie das Schlachtgewicht von 250 Kilo erreicht haben. 2005 erreichte der Verzehr von Milch ein Rekordniveau mit etwa 95 Kilo pro Kopf.
Vitamine A und D ersetzen das Sonnenlicht
Die Entwicklung der Massentierhaltung begann in den Jahren vor dem zweiten Weltkrieg. Sie ist von den USA über Großbritannien nach Europa gekommen und war offenbar aus wirtschaftlichen Gründen unaufhaltsam. Das erste Tier, das einer intensiven Haltung ausgesetzt wurde, war das Huhn: Bauern spezialisierten sich, um die große Nachfrage nach Fleisch und Eiern befriedigen zu können. Die erste Massenproduktion wurde möglich, als Geflügel- Experten die Rolle der Vitamine A und D entdeckten und sie dem Futter beimengten. So konnten die Hühner in Käfigen lebend großgezogen werden, da sie kein Sonnenlicht und keinen Auslauf mehr brauchten.
Pestizide im Mastfutter
Aber die Intensivhaltung bringt nicht nur den Tieren lebenslange Qualen, sie bringt auch Menschen und Umwelt gravierende Nachteile. Das WorldWatch Institut beschrieb die Folge des hohen Fleischverbrauchs als Wohlstandskrankheiten - darunter Herzinfarkt, Schlaganfall und Krebs, die zu den verbreitetsten Todesursachen der Industriestaaten zählen. Die Tiere werden für die Erbringung sogenannter wirtschaftlicher Leistungsdaten mit Chemotherapeutiken vollgestopft. Die Hälfte der Weltproduktion von Antibiotika landet in der Massentierhaltung. Fleisch ist mit Abstand das Nahrungsmittel mit der höchsten Pestizidbelastung. Das Mastfutter wird oft aus Entwicklungsländern importiert, in denen Pestizide verwendet werden, die in Deutschland längst verboten sind. Diese werden später mitgegessen - der Konsument bleibt bis zu einem gewissen Grad ahnungslos.
Für ein Kilo Fleisch brauchen wir 100mal mehr Wasser als für ein Kilo Getreide
Pro Jahr produziert die Massentierhaltung rund 250.000 Tonnen Mist und Gülle, was drei Tonnen pro Einwohner entsprechen würde. Die Abwassermengen der Landwirtschaft sind vier Mal höher als die aus allen Haushalten zusammen. Diese Mengen können Boden und Grundwasser nicht mehr aufnehmen. Die Folge: Seen, Flüsse, Trinkwasser und Böden sind Nitratverseucht. Auch der Anteil der Massentierhaltung am Treibhauseffekt ist enorm. Zum einen wird durch das Abbrennen der Regenwälder für Weideland CO2 freigesetzt, zum andern setzt die Massentierhaltung der Rinder weltweit jährlich 100 Millionen Tonnen Methan frei, was rund 18 bis 20 Prozent der weltweiten Emission dieses giftigen Treibhausgases entsprechen. Das Wuppertaler Institut für Klima, Umwelt und Energie erklärte den Anteil der Rinderhaltung am Treibhauseffekt gleichbedeutend mit dem des gesamten Autoverkehrs - wenn man die Waldrodung für die Futtermittel mit einbezieht. Rund 340.000 Quadratkilometer Wald gehen jährlich für die Futtermittelproduktion drauf. Der Anteil der Fleisch- und Milch-Produktion an der Bodenerosion wird auf etwa 80 Prozent geschätzt. 50 Prozent des gesamten Trinkwasserverbrauchs gehen zu Lasten der Intensivhaltung. Für die Produktion von einem Kilo Fleisch wird durchschnittlich 100mal mehr Wasser benötigt als für die Produktion eines Kilos Getreide. Ohne Fleischproduktion würden wir mit etwa 30 Prozent unserer jetzigen Anbauflächen hinkommen. Auf einem Hektar können nämlich entweder 50 Kilogramm Rindfleisch, 8 000 Kilogramm Kartoffeln oder 12 000 Kilogramm Sellerie erzeugt werden. Die Hälfte der weltweiten Getreideernte wird als Viehfutter verwendet. 60 Prozent aller Futtermittel kommen aus Entwicklungsländern. Dort verhungern jeden Tag rund 40.000 Kinder, 50 Millionen Menschen sterben jedes Jahr an Hunger oder an deren Folgeerscheinungen.
Möglich gemacht wird dieser Wahnsinn zu einem großen Teil durch die gesetzliche Lage in Deutschland: Für Haustiere gelten Bestimmungen wie "artgerechte Haltung", Tierquälerei kann bestraft werden. Für Tiertransporte etwa gilt in der EU die Richtlinie zum Schutz von Tieren beim Transport. So dürfen Tiere nicht länger als acht Stunden täglich transportiert werden. Bei Versorgungsintervallen und Pausen darf die Fahrt aber unbegrenzt verlängert werden. So kann ein Transport von Tieren von Deutschland nach Spanien schon mal 25 Stunden dauern.
Selbstverständlich trifft hier die Konsumenten eine hohe Mitschuld!
Lara Marie Haasper ist 17 und Sprecherin der Basisgruppe Bad Oeynhausen/ Löhne aus NRW. Auf der nächsten Landesmitgliederversammlung möchte sie den AK Tierrecht in NRW gründen.
Dieser Artikel ist die erste Folge einer Serie des Fachforums Ökologie zum Thema Landwirtschaft und VerbraucherInnenschutz. Über den Sommer verteilt wird es noch weitere Beiträge geben.