Kletterturm vor dem Gebäude der Goetheschule. Hier findet der Bundeskongress der GRÜNEN JUGEND statt

Bundeskongress im Problemviertel

13.11.2005: Für die Tagung zum Thema Migration an diesem Wochenende begibt sich die GRÜNE JUGEND mitten in einen sozialen Brennpunkt: Fast jeder vierte Mensch in Koblenz-Neuendorf ist im Ausland geboren oder hat nicht-deutsche Vorfahren. Die Arbeitslosigkeit im Viertel ist hoch. Die Goethe-Hauptschule spürt die Probleme unmittelbar - und hat reagiert.

Von Silke Gebel

Bolzplatz hinter der Goethe-Hauptschule in Koblenz-Neuendorf

Neuendorf ist ein klassischer Problembezirk, offiziell heißt er beschönigend "Gebiet mit besonderem Entwicklungsbedarf". 23,2 Prozent der Menschen hier haben einen Migrationshintergrund, in Gesamt-Koblenz sind es nur 9,4 Prozent. Die drei Kindertagesstätten versuchen, Integrationshilfen zu geben, Sprachbarrieren abzubauen und auf die frühkindliche Förderung zu setzen. Der Kongress findet in der Goethe-Hauptschule statt, die genau in Neuendorf liegt und die auf die Probleme mit besonderen Konzepten reagiert.

Wallersheimerweg ist die Grenze

Das Viertel ist geteilt. Es gibt Neuendorf-Dorf und jenseits des Wallersheimerweges die obere Siedlung, das "Kreutzchen". Hier ist der Anteil der MitbürgerInnen mit Migrationshintergrund besonders hoch. Die Teilung zeigt sich überall: Es gibt zwei Jugendtreffs, zwei Bereiche auf dem Schulhof, die Gruppen treffen kaum aufeinander - außer bei Schlägereien.

Seitenwand der Turnhalle der Goetheschule

Das Integrationsangebot beginnt bereits in der Grundschule: Deutschkurse, Schulfeste mit dem Motto "Wir sind Kinder einer Welt", christliche und muslimische Festtage mit der Erklärung, wer wie was und warum feiert. Nach der Grundschule bekommt die Hälfte der SchülerInnen eine Hauptschulempfehlung. Davon geht die Hälfte auf die Goethehauptschule.

Die Goetheschule

Hinter der Turnhallen-Umkleide

Die 14-jährige Jenny S. ist erst kürzlich vom Gymnasium auf die Goethe-Hauptschule gewechselt. Sie hat den direkten Vergleich zwischen ihrer alten Schule und der multikulturellen Gemeinschaft an der Goethehauptschule. Die LehrerInnen an ihrer neuen Schule empfindet sie als sehr offen. Sie würden mit einer großen Bereitschaft auf die SchülerInnen zugehen, sagt sie. Es gäbe durchaus Agressionen und mehr ordinäre Worte auf dem Schulhof als auf dem Gymnasium, aber alles in allem kenne hier jedeR jedeN. In der großen Pause geht sie nicht nur zu den Leuten aus ihrer Klasse, sondern spaziert von Gruppe zu Gruppe. Sie wird vom allgemeinen Wir-Gefühl an der Schule erfasst - die unterschiedlichen Nationalitäten spielen hier keine Rolle.

Auch Direktor Marenbach sieht das so. Er beschreibt ein gutes Miteinander der 30 Nationalitäten. Die größten Probleme entstehen durch unterschiedliche sprachliche Vorraussetzungen bei den SchülerInnen. Häufig kommen Jugendliche mit 14 Jahren nach Deutschland, werden ins 7. Schuljahr eingestuft und können dem Unterricht nicht folgen. In Kleingruppen gibt es ihrem Alter entsprechende Maßnahmen zur Sprachförderung.

Zudem leiden viele SchülerInnen unter Halbsprachlichkeit. Sie sprechen kaum deutsch, beherrschen jedoch auch ihre Muttersprache nicht. Hier gibt es an der Goetheschule zwei Ansatzpunkte: Zum einen wird deutsche Sprachförderung angeboten, zum anderen gibt es muttersprachlichen Unterricht.

Einige LehrerInnen geben türkischen, albanischen oder russischen Unterricht. Diese LehrerInnen übersetzen auch für die Eltern. Dadurch werden positive Signale gesetzt, die eine Integration ermöglichen sollen. Für die Eltern gibt es im Rahmen des Förderprogrammes LOS (Lokales Kapital für soziale Zwecke) des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend Elternsprachunterricht.

Schulabschluss ohne Perspektive

Nur zehn Prozent eines Jahrganges erhalten nach der neunten Klasse einen Ausbildungsplatz. Den SchülerInnen fehlen häufig Basiskompetenzen in der Bildung und im Sozialen. Mit zwei Projekten arbeitet die Schule besonders an der Grundlagenvermittlung für den Arbeitsmarkt.

Duschen in der Goetheschule

Das Projekt BORIS (Berufliche Orientierung - Regionale Initiative zur Schulentwicklung) aus dem Schule-Wirtschaft-Arbeitsleben-Programm des Bundesbildungsministeriums bezieht die Eltern stärker mit ein. Daraus ist der "JOB-FUX" entstanden, der eine zeitlich begrenzte Projektstelle hat. Er hilft den SchülerInnen bei der Weiterqualifikation und der Vorbereitung auf den Arbeitsmarkt. Von Kommunikationstrainings bis hin zur Vorbereitung aufs Vorstellungsgespräch gibt es ein breites Angebot.

Schule reagiert auf Probleme

Auf dem Schulhof der Goetheschule

Die Arbeitsweltklasse ist für die SchülerInnen, die ab der der 7. Klasse aus den unterschiedlichsten Gründen im Unterricht nicht mehr mitkommen. Für sie gibt es Unterricht in kleineren Gruppen. Dabei soll direkt an der/dem SchülerIn angesetzt und auf ihren/seinen Wissensstand und konkreten Bedürfnisse eingegangen werden. Das gesamte 9. Schuljahr über besteht die Woche aus vier Schultagen und einem Praktikumstag. Das Projekt läuft erst im dritten Jahr, doch schon jetzt zeichnet sich eine höhere Ausbildungsplatzquote ab als bei den anderen Klassen. Wieviele Leute davon die Ausbildung abschließen werden ist ungewiss, so der Direktor. Die Betreuung der Jugendlichen höre eben mit der 9. Klasse auf.

Doch bis dahin versucht die Goethe-Hauptschule ihren 450 SchülerInnen, von denen 60 Prozent einen Migrationshintergrund haben, jeden Tag den Weg in die Zukunft ein bisschen mehr zu ebnen. Viele Konzepte aus dem Leitantrag der GRÜNEN JUGEND werden hier bereits angewendet und sind in ihrem Rahmen erfolgreich. Für eine tiefergehende Integration jedoch muss die gesamte Gesellschaft in die Pflicht genommen werden.

  • Die Goethehauptschule hat vier Klassen pro Jahrgangsstufe
  • Schulsozialarbeit (Präventionsarbeit) seit 1996
  • Ganztagsschule in neuer Form seit Schuljahr 2002/03
  • Freiwilliges 10. Schuljahr seit Schuljahr 2003/04
  • Arbeitsweltorientierte Klasse seit Schuljahr 2003/04
  • Gesamtschülerzahl: 412 (davon 187 Mädchen)
  • Zahl der Nationalitäten: 27
  • Zahl der Religionszugehörigkeiten: 12
  • Zahl der Aussiedlerkinder: 38
  • Kinder mit Migrationshintergrund gesamt: 60 Prozent